Wie Diäten psychisch krank machen: Diäten-Wahn, Diätneurose

Die Wissenschaft hat Fortschritte gemacht, und somit den Begriff der Neurose aus dem großen Schrank mit den vielen Schubladen, in die die Krankheiten einsortiert werden, praktisch ausgeschlossen. 
Die Frage, was eine Diätneurose ist, stellt demzufolge auch eine Überforderung dar. Gehen wir ihr trotzdem einmal nach:


Früher wurde “psychotische Störungen” als primär biologisch interpretiert, “neurotische Störungen” demgegenüber für psychogen gehalten. Diese Annahmen über Störungsursachen sind nicht mehr aufrecht zu erhalten, damit hat man im wesentlichen auch die Krankheitsbezeichnungen fallen gelassen, sind auch Begriffe wie “Angstneurose”, “Aktualneurose” oder “Herzneurose” aus dem Sprachgebrauch verschwunden, an neuen Neurosen besteht kein Interesse. Die Denkmodelle, dass (neurotische) Krankheiten etwa aus dem Konflikt verschiedener Impulse, etwa Wunsch und Verbot, resultieren, sind gewissermaßen in den Hinterkopf verbannt, und behalten ihren Erklärungswert.
Statt einem Krankheitsbild das möglichst genau passende Label zu verpassen, beschreibt man es lieber prägnant, unter Verzicht auf die “exakte” Klassifikation, hinter der der Einzelfall ohnehin kaum zu erkennen ist.
Umgangssprachlich hat sich das alte Klassifikationssystem ohnehin erhalten: Was unter “Diätenwahn” (Der Wahn ist ein “psychotisches Moment”) zu verstehen ist, nämlich ein kollektives System von ungeheurem Ausmaß, eine kollektive Psychose, deutsch: ein Massenwahn, weiß man im Allgemeinen und will es doch nicht so genau wissen.

Demgegenüber ist der Begriff “Diätneurose” nur äußerst selten im Gebrauch. Ausgerechnet in einem Brigitte- Forum taucht er auf:

Zum Thema *Diät als Lebensinhalt* und *Diätneurose*, da sehe ich wirklich eine Gefahr drin, stell bei mir auch oft fest, dass das morgendliche Wiegen entscheidend für meine Stimmung ist und das kann es ja nun wirklich nicht sein!
Mal überzogen ausgedrückt, Waage unten gleich Glücksgefühl, Waage oben- der Tag ist gelaufen.

Das ist wohl etwas, das häufig vorkommt: Man ist auf die Waage fixiert, es ist, als ob die Waage die Stimmung reguliert – könnte aber auch anders herum sein ;-)  Ein Verhalten, das schon nicht mehr als rational bezeichnet werden kann, ein bisschen verrückt – und neurotisch.

Mich begleitet dieses Gewichtsthema eigentlich ein Leben lang, ebenso wie das Frustessen, d.h. eine Tafel Schokolade bei irgendwelchen Widrigkeiten, aber ich bin doch dabei, das immer mehr abzubauen.

“Ein Leben lang” ist wohl etwas übertrieben: Da wäre mal die konkrete Frage zu beantworten, wann der “Sündenfall” – die ganze Schokolade auf einmal – in welchem Zusammenhang eingetreten ist.

Es gab mal eine Zeit, wo ich mein Gewicht wunderbar halten konnte, ohne besonders darauf zu achten, das war toll!

Eben: Wie war das wohl – und womit hat es aufgehört? Mit der ersten Diät?
Und wer hat “uns” den Gedanken, den “Floh” ins Ohr gesetzt, wir müssten abnehmen, “eine Diät machen”?


Die folgende Diskussion ist hier stark gekürzt. Als eine Antwort auf die ersten Gedanken kam dies:

Bei mir hilft es jetzt enorm den Schokofrust abzudämmen, wenn ich vorher drauf schaue was ich da an Fett und Kalorien zu mir nehme. Bei so einem Riegel Kinder sind das 7g (!) Fett, als ich das das erste Mal gelesen habe bin ich fast vom Stuhl gefallen. So viel Fett haben manche Mittagessen der Diät! Und da hat man was für im Magen. Andere Süßigkeiten sind noch viel Schlimmer. Wenn ich das erst lese, habe ich danach kaum noch Appetit drauf. Das ist voll witzig.

Hier wird wohl maßlos übertrieben. Man könnte auch sagen, diese Übertreibung hat etwas hysterisches. Eigentlich schildert sie einen Konflikt aus Lust und Verbot, bei dem sie Schwierigkeiten hat, die Größe der Gefahr einzuschätzen, und auf ein kindliches Vergnügen zurückfällt. (Fachsprachlich, frühere Terminologie: Infantile Regression auf orale Libidostruktur – oder so ähnlich)  … (Die junge Frau schildert nun, wie sie anhand einer Kalorientabelle ein fast-food-“Gericht” mit realtiv wenigen Kalorien auswählt)

… Ich find, so kann man auch viel tun und muss nicht auf alles verzichten. Ich ess dann halt abends nur noch wenig oder fast garnichts mehr. Man ist ja eigentlich eh noch satt vom Mittagessen.

-> Wir kennen uns ja nun mal alle ein wenig aus: Mit so einem billigen, mickrigen Mc-Doof Happen ist niemand satt, und schon gar nicht bis in die Nacht hinein. Die “Forumsschwester” lügt wie gedruckt, und glaubt wohl selbst noch, was sie sagt. Gleichzeitig bietet sie sich als Figur, mit der man sich vergleicht, an – und sieht alt aus, muss man sich doch als vergleichsweise schwach einschätzen, wenn sie scheinbar keine Schwächen hat, “eisern” ist und schon wegen sieben Gramm Fett lamentiert.

Gut, vielleicht ist sie nur im Forum, um sich bewundern zu lassen. Nicht glaubhaft ist jedenfalls, dass sie keine Probleme hätte…

Die wirklichen Probleme bleiben allerdings ausgeblendet, und währenddessen erfüllt die “Forumsschwester” eine Vorbildfunktion, auch wenn sie gar nicht als Vorbild taugt. Aber das ist ein weiter Weg, weg von “Identifikationsobjekten” hin zu eigenen Leitbildern.

Was meine eigene Diätneurose betrifft: Ich kenne diese Verhältnisse. Längst, bevor ich davon etwas wissen wollte, haben mir meine Schwestern erklärt, wie man Kalorien spart (ohne das selbst  jemals auch langfristig und nachhaltig zu tun), an “Diäten” gab es einige “Brigitte-Versuche” nebst lautstarken Versuchen, die Mutter davon  zu überzeugen, und auch die “guten Ratschläge” der besten Freundinnen, zu denen das Verhältnis nicht frei von unterschwelliger Feindschaft und Konkurrenz war,  sind mir nicht unbekannt geblieben.

Das war so ungefähr die Zeit des Übergangs vom Mini- zum Maxirock, obskurer Brillengestelle und Frisuren, die gerade vom traditionellen Zopf zum Pagenkopf mutierten ;-)

Dass die Massenmedien uns mit “künstlichen Vorbildern” und Verhaltensvorschriften am Liebsten erschlagen möchten, ist eine Polemik. Dass hier eine Massenhysterie geschürt wird und ein Diätenwahn entstanden ist, das wissen wir.

Worüber wir weniger reden, ist, was das Ganze mit dem einzelnen macht, wenn er sich einmal im Diäten-Labyrinth verlaufen hat und den roten Faden, der den Rückweg weist, verloren hat.

Diäten-Neurose – das ist, wenn man sein Heil in der “richtigen Diät” sucht, aber vielleicht auch, wenn man sagt: Eigentlich geht es mit ja sehr gut, und das Übergewicht stört mich ja eigentlich auch gar nicht, so lange ich nicht daran denke.

Man ist also befangen von dem einen Gedanken an die “richtige Diät”, die die Problemlösung bringen sollte, und es kann passieren, dass diese schlechte Verteilung der Aufmerksamkeit zu Stress und Depression führt. So kann man nicht leben, so kann “Diät” nicht funktionieren.

Theoretisch lässt sich der Knoten ungefähr so

auflösen.

Praktisch dann – wahrscheinlich – mit  Hilfe eines Diätplans ;-)

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  5. Babies machen glücklich, aber warum?

18 Kommentare zu “Wie Diäten psychisch krank machen: Diäten-Wahn, Diätneurose”

  1. [...] Diätenwahn, Kapitel “Weihnachten” [...]

  2. [...] der Wirklichkeit aber geweckt und verankert. Die Leser werden süchtig nach ihrer Zeitung, der Diätenwahn [...]

  3. [...] Diätenwahn, Kapitel “Weihnachten”, Teil 2 [...]

  4. [...] wir nicht alle irgendwie vom Diäten-Wahn ergriffen? Das macht aber gar nichts, denn die Schleife gegen den Ansteckungswahn Schlankheitswahn [...]

  5. [...] ist oder nicht – es ist Teil des Diäten-Wahns – wobei natürlich anzumerken ist, dass vom Diätwahn betroffen zu sein teils unauffälliger ist, als gesund zu sein – aber den Gesundheitswahn kann [...]

  6. [...] Kampf gegen das Übergewicht”: Hierbei handelt es sich einerseits um einen kollektiven (Diäten-) Wahn, andererseits sind die ernsthaft Betroffenen ernsthaft diskriminiert, quasi aus der Gesellschaft [...]

  7. Vielleicht solte man den Diätenwahn mal unter diesem Gesichtspunkt untersuchen?

  8. [...] wird hier  ausgedrückt, dass die Aufregung um die Adipositas (Schlankheitswahn usw.) hysterischen Charakter [...]

  9. [...] gibt es einen Zusammenhang zwischen Diäten-Wahn (Diätwahn) und dem Wunsch, (sich) zu gefallen, dem Narzissmus – ob Orbach diesen Zusammenhang [...]

  10. [...] “Obst zum  abnehmen” zu sprechen, wäre nur eine Überbetonung von Diäten, Orthorexie, Diäten-Wahn und [...]

  11. [...] Hoffentlich aber nicht. Schlimmstenfalls ist es die andere Seite der Medaille “Diätenwahn”. Bestenfalls war es ein notwendiges Durchgangsstadium, oder [...]

  12. [...] Jetzt freue ich mich schon auf ein kommendes Buch von Ulrike Gonder und Nicolai Worm: “Weniger Zucker”. Obwohl: Wenn man für jeden Nahrungsbestandteil ein spezielles Buch braucht, das ist doch verrückt… [...]

  13. [...] Das ist dann die perfekte Ausrede bei Diätsünden: “Jupiter ist gerade im Stier, da kann ich gar nicht anders.” ”Ich kann doch nichts dafür, und auch die Experten geben mir darin Recht”. Sicher. Wo es ums Abnehmen geht, ernennt sich jeder zum Experten. Das Ergebnis (Ausnahmen können die Regel bestätigen): Gewäsch oder Wahnsinn. [...]

  14. [...] Begriff der Diät als “gesunde Lebensweise” gelegentlich immer noch unter den Tisch fällt, der Diätenwahn munter weiter fortgeschrieben wird und viele Publikationen immer noch einen sinnlosen Leerlauf [...]

  15. [...] Widersprüche und Halbwahrheiten hinweisen, zunächst jedoch feststellen, dass die Diagnose “Diätenwahn” nach wie vor [...]

  16. [...] fremdbestimmt und von falschen Versprechungen beeinflusst ist. Mit *Diät als Lebensinhalt*,  *Diätneurose” und der narzisstischen Überbesetzung des Körper-Selbst schwindet das Potential für [...]

  17. [...] diese Befreiung, allerdings vom Diäten-Wahn – der Unterschied zwischen Diätwahn und Diäten-Wahn ist klein, aber fein, bin ich zwar auch [...]

  18. […] objektiven gesellschaftlichen Wahnsinn (den ich einmal am Beispiel des Diätenwahns “durchgenommen” hatte) werde ich nicht mehr rütteln, denn Kritik, die nichts ändert, […]

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