Viele Diagnosen machen krank

In der TAZ vom 24.04.2013 gibt es ein Interview mit dem US-Psychiater Allen Frances. Der

ist besorgt, dass Kinder noch mehr Psychopharmaka bekommen. Früher hat Frances selbst am Diagnosehandbuch DSM mitgearbeitet.

Doch zunächst einmal: Was für ein Diagnose-Handbuch ist das?

Laut Wikipedia:

Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen) ist ein Klassifikationssystem der American Psychiatric Association (Amerikanische Psychiatrische Vereinigung), die es erstmals 1952 in den USA herausgegeben hat. Seither erscheinen auch Ausgaben in anderen Ländern: Beispielsweise gibt es seit 1996 eine deutsche Ausgabe des DSM-IV. Aktuell liegt die vierte Auflage (DSM-IV) vor, die 1994 veröffentlicht wurde und im Jahr 2000 eine Textrevision (DSM-IV-TR) erfuhr (Stand: März 2003).[1]

Der Inhalt des DSM wird von Experten festgelegt, um Diagnosen reproduzierbar zu gestalten. Die Klassifikation wurde erstellt, um die Diagnose und Heilung zu erleichtern, weswegen die Nomenklatur heute in Kliniken und Versicherungsgesellschaften gebräuchlich ist.

Allen Frances kritisiert:

Ich hörte von Plänen, eine Diagnose namens „Psychoserisikosyndrom“ einzuführen. Damit sollten Jugendliche identifiziert werden, die Gefahr liefen, schizophren zu werden. Doch wir können solche Psychosen nicht sicher vorhersagen.

Es bestand die Gefahr, dass Jugendliche unnötig Psychopharmaka einnehmen und diese Diagnose ungerechtfertigt ein Leben lang mit sich tragen würden. Zwar wurde das Syndrom dann doch nicht in DSM-5 aufgenommen, aber die APA hätte das Buch so nicht verabschieden sollen.

Schon mit dem DSM IV ging eine Zunahme der Diagnosen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, bipolare Störungen und Autismus einher. Wahrscheinlich ist jedoch, dass, wenn nicht die Kinder sich plötzlich verändert haben, das Diagnose-Handbuch dazu führt, dass sie als “krank” eingestuft werden.

Derzeit könnte … ein Viertel der Bevölkerung eine psychiatrische Diagnose bekommen – das ist zu viel.

Hinzu kommt meiner Meinung nach, dass eine Diagnose auch krank machen kann. Wird ein Kind, das nicht richtig schreiben und lesen lernt, als “Legastheniker” diagnostiziert, kommt das Unglück “von Innen”, aus dem Kind heraus, und die Umwelt, die Eltern-Kind-Kommunikation wird nicht hinterfragt. Die “Therapie” wird in die Hand von “Fachleuten” gelegt, die sich mehr oder weniger Mühe geben, aber das Kind hat immer die Entschuldigung, dass seine Handschrift wegen seiner Krankheit so unleserlich sei, parat.

Nun soll die Diagnose „affektive Dysregulation“ (disruptive mood dysregulation disorder) für Kleinkinder aufgenommen werden, die regelmäßig Wutanfälle haben. Also ein Verhalten, das oft nur eine Phase in der Entwicklung eines Kindes ist. Ich befürchte, dass nun noch mehr Kinder Psychopharmaka erhalten.

“Dysregulation” gehört nicht zum alltäglichen Sprachgebrauch, hört sich nach Fachchinesisch an und klingt wissenschaftlich. Ob etwa ein “Schreikind” Psychopharmaka bekommen soll, ob man erst einmal erforscht, welche Bedürfnisse es hat oder wie der Dialog zwischen dem Kind und den Bezugspersonen funktioniert: Die letzteren Optionen fallen bei der entsprechenden Diagnosen-Option nebst schulbuchmäßiger Therapieanleitung wohl aus.

Dass daneben die Krankheiten wechseln wie die Mode, steht auf einem anderen Blatt: Die vor hundert Jahren verbreitete “Hysterie” scheint ausgestorben, dafür gibt es heute “Borderline-Störungen”. Kein/e)  HysterikerIn  hätte damals daran gedacht, sich irgendwelche Ritzereien zuzufügen. Was das betrifft, haben psycho-Krankheiten etwas ansteckendes: Wer sich seiner Identität nicht sicher ist, orientiert sich an Diagnose und entsprechende Vorbildern, was Denken und Verhalten betrifft.

Je mehr Eltern von der “Dysregulation” wissen, desto mehr könnten das unmögliche Verhalten des Kindes mit dieser Diagnose “erklären”. ““Es” ist krank, damit habe ich nichts zu tun”.

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