Die Essstörung als Orientierungsstörung?

In der Adipositas-Diskussion wird stellenweise die Ansicht vertreten, dem Übergewicht liege eine  Essstörung zugrunde, die auch Normalgewichtige erfassen könne, und wegen des gesellschaftlichen Tabus, darüber zu reden, besonders tückisch sei.

Mit Hilfe der Kategorie “Nicht näher bezeichnete Esstörungen” lässt sich fast alles, was nicht in den – auch nicht definierten Bereich – des “normalen Essens” fällt, als Essstörung einordnen, zumal die Grenzen zum “gezügelten Essverhalten” fließend sind.

Man könnte einen Persönlichkeits-Typus zeichnen, dessen  Ansprüche maßlos sind, so dass schon das “Zurückschrauben” auf  realistische Erwartungen und eine gewisse Bescheidenheit als bitterer Verzicht empfunden wird.

Der Wechsel von Hungern, Fasten und “Fressen” erzeugt eine Achterbahn der Gefühle, das Auf und ab einen Schwindel und in der Folge  Orientierungslosigkeit: Wenn im Nebel auf einer  weglosen Hochebene kein Anhaltspunkt, kein Ziel erkennbar ist, braucht man, um die gewünschte Richtung einzuhalten, ein Hilfsmittel zur Navigation, etwa einen Kompass und, im  unwegsamen Gelände, um nicht in einen  Sumpf zu geraten, möglichst auch eine Landkarte, wenn man wieder heraus will.  Charakteristisch für eine Esstörung:

das Essen wird missbraucht für damit nicht zusammenhängende Fragen. Essstörungen sind psychische Störungen, deren Kern im gestörten Selbstwert(-gefühl), im niedrigen Selbstvertrauen, in Störungen der eigenen Identität liegt.

Und:

Essstörungen können durch Konflikte auf allen … Ebenen [Werte, Ideale, Sympathie, Identität, Loyalität] gefördert werden. … Dabei muss es nicht unbedingt so sein, dass Grenzüberschreitungen oder Einschränkungen der Autonomie über das Essen stattfanden. Hier spielt der Abwehrmechanismus der Verschiebung eine zentrale Rolle.

Aber auch die Verleugnung spielt eine zentrale Rolle: Nicht nur Tatsachen werden vom Kranken verleugnet, sondern auch die – durch die zugewiesene Rolle krank gemachte -  Person kann verleugnet und krank  gemacht werden.

“Normalerweise” bedeutet “jemanden verleugnen”, von jemandem, der anwesend ist, zu behaupten, er sei nicht da, im Märchen “die kluge Else” behauptet ihr eigener Mann, sie sei anwesend (im Haus), obwohl sie draußen ist. Diese Form der Verleugnung ist allerdings kein gewöhnlicher Abwehrmechanismus mehr…

Gelegentlich wird auch die Essstörung negiert, ignoriert, aus der Wahrnehmung verdrängt: Sie passt nicht in jedes Konzept, stört manche Erklärung der Adipositas, weil hier psychische Ursachen angenommen werden müssen, und die Psyche kann man nicht so ganz über die DNA oder den Stoffwechsel erklären.

Auch Suchtkonzepte sind nicht so recht greifbar – wenn die Hälfte der Bevölkerung übergewichtig ist, kann die Annahme, dass Suchtmechanismen hieran beteiligt sind, nicht populär sein.

Andererseits verhindert die “globale Verdrängung” der Suchtproblematik auch, dass sich hier eine Gesundheitsbewusstsein herausbildet…

Prototypisch bietet sich für die Suchtproblematik immer der Vergleich mit dem  Alkoholismus an, der im Laufe der Suchtkarriere möglicherweise einige Gehirnfunktionen marode werden lässt, und das Beispiel des Alkoholismus zeigt, dass es ohne enge (die strikten Antialkoholiker üben sich in rigider Grenzsetzung) Grenzen nicht geht.

Diätvorschriften

Rund ein Fünftel der LeserInnen bei Fressnet.de suchen nach Diät-Vorschriften oder festen Regeln.

Da die “Diät-Vorschriften” so einen hohen Wert erhalten haben, verbietet es sich, darüber hinwegzugehen.

Der Wunsch nach “Diätvorschriften” dürfte auch – in Analogie zu sinnvollen Empfehlungen beim Alkoholgebrauch – gerechtfertigt sein.

Eine etwas paradoxe Situation: Könnte diese Ziffer doch auch bedeuten, dass 80 Prozent der Leser keine Diät- bzw. Ernährungsgrundsätze brauchen, weil sie bereits welche haben, an die sie sich halten – oder, dass sie der Meinung sind “Ich lasse mir doch keine Vorschriften machen”.

Manchmal wird alles, was nach einer Anleitung klingt, abgelehnt, und doch hat jeder seine Regeln.

Kommen wir noch einmal zurück zu unserem Vergleich mit der Wanderung auf der  Hochebene bei Nebel: Hier geht es darum, nicht immer im Kreis zu laufen, sondern, um effektiv vorwärts zu kommen, um die Angabe der richtigen Richtung.

Nun kann man schnell einige Punkte aus dem Ärmel schütteln:

  • Vollwertige Ernährung
  • Keine Appetitverstärker
  • bestimmte Höchstmengen
  • ein gewisses Mindestmaß an Bewegung
  • Essen, was schmeckt
  • Verzicht auf raffinierten Zucker

Das ist aber erst die halbe Miete: Das Problem des (mangelnden) Selbstvertrauens und des angemessenen Umgangs mit Konflikten hätten wir, belassen wir es bei der kleinen Liste, “elegant umschifft”.

Wir würden schlimmstenfalls ein Ersatz-Schlachtfeld anbieten, auf dem die Betroffenen sich austoben, statt sich progressiv um ihre wirklichen Probleme, Konflikte und Interessen zu kümmern.

Nun ist dies auch ein Bereich, in dem kein Berater eine bestimmte Richtung wird vorschreiben wollen, die Individuen müssen hier schon ihre eigene Richtlinienkompetenz entwickeln.
Wir müssen aber auch feststellen, dass die Essstörung mit einem Rückzug aus der Gemeinschaft (“welcher Gemeinschaft?”), sozialer Isolation, sprich Einsamkeit, einhergehen kann und gerade in diesem Bereich Abhilfe nötig ist: Als soziales Wesen braucht der Mensch den Austausch mit Anderen, da er nicht zum Eremiten bestimmt ist.

Wie hoch der Prozentsatz derer, die eine (permanente? professionelle?) Begleitung brauchen, ist m.W. noch nicht untersucht worden. Manchmal soll der Ehepartner ein Defizit ausbleichen ausgleichen, wird so die Ehe überfordert und gesprengt.

Darüberhinaus müssen noch andere Gesetzmäßigkeiten mitbedacht werden, etwa Bildungsstand und die Identifikation mit Bezugspersonen.

Man kann aber niemandem vorschreiben, sich nicht mit anderen zu vergleichen, höchstens darauf hinweisen, dass ein Gedanke wie “Ach, da bin ich ja noch ganz gut dran, im Vergleich zu xy” die reinste Augenwischerei ist.

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18 Kommentare zu “Die Essstörung als Orientierungsstörung?”

  1. [...] einer Sucht, das Trink- oder Essverhalten exzessiv wird.Wer, weil ohne jeden Bezug zu Esssucht und ähnlichem, dies nicht nachvollziehen kann, wird vielleicht aus anderen Zusammenhängen einen [...]

  2. [...] Essstörungen – das ist natürlich ein Thema, das viel zu vielschichtig ist, um es auf einer Seite abzuhandeln. Auch Zeitungen und Zeitschriften können es immer nur anreißen, den einen oder anderen Aspekt aufzeigen, oder über eine besondere wissenschaftliche Ansichtz des Themas berichten. So hätte Barbies Taille, hochgerechnet, einen Umfang von 46 cm – was das bedeutet, habe ich unten einmal demonstriert. [...]

  3. [...] der Entstehung des Jo-Jo-Effekts kam man ganz organisch zur Entstehung der Essstörung wie auch zu deren Überwindung: Gerade für junge Leute sei es … wichtig, den eigenen [...]

  4. [...] Die Essstörung als Orientierungsstörung [...]

  5. [...] Die Essstörung als Orientierungsstörung [...]

  6. [...] was von den Betroffenen allerdings oft sehr spät erkannt wird. Mal als Nahrungsverweigerung (Essstörung) aus Trauer um eine verstorbene  Mutter, mal, weil man abgelehnt wird, oder sich abgelehnt [...]

  7. [...] beachtenswert ist der im Artikel “Die Essstörung als Orientierungsstörung” zu kurz angesprochene Abwehrmechanismus (Mit Hilfe verschiedener Abwehrmechanismen versucht das Ich [...]

  8. [...] Bereich der Essstörungen sind wir mit “constant cravings” konfrontiert, “unstillbaren” Bedürfnissen, die sich nicht [...]

  9. [...] sind jetzt die Horrorzahlen zu den Essstörungen. Daneben müssen wir uns die Horrorzahlen zum Übergewicht denken – ohne das gäbe es auch nicht [...]

  10. [...] Information, dass Diäten eine wirksame Einstiegsdroge in die Essstörung sein können, lässt sich unschwer finden, aber der Verzicht auf Diäten fällt der Presse doch arg [...]

  11. [...] nicht bekannt, Magersucht scheint auch nicht vorzuliegen, und für Bulimie ist keine Zeit. Eine Essstörung liegt also – vorläufig jedenfalls – nicht [...]

  12. [...] die schlanke Linie, und man könnte sich streiten, ob es sich hier um eine Schlaf- oder um eine Essstörung handelt. Vielleicht auch um eine Störung der Selbstregulation: Der Schlaf ist ja ein [...]

  13. [...] der fließenden Grenzen zwischen normalem Essverhalten und Essstörung erscheinen Diskussionen über den Hungerstoffwechsel eher überflüssig oder zu [...]

  14. [...] gleich die Seite proana.de geschaltet. Wieder mal die Gleichsetzung von Essstörung und Anorexie, also das eingeschränkte Verständnis von Essstörung. «ana» und «mia» sind [...]

  15. [...] Beziehung zur Nahrung ist derweil nicht immer ungetrübt, manchmal gestört, so dass von einer Essstörung zu sprechen ist, manche haben Verdauungs- störungen bis hin zum Reizdarm-Syndrom, womit sie dann [...]

  16. [...] bei der Trennkost hat die Kandidatin die wenige Nahrung getrennt und ihr Töchterchen bekam eine Essstörung – trotz ärztlicher Begleitung. Dem Rentner unter den Probanden hätte allerdings eine [...]

  17. [...] Behauptung ist natürlich großer Quatsch. Wenn ich Personen ohne jegliche Essstörung beobachte, muss ich ja feststellen, dass ihre Intuition sie sicher führt. Der Prozess, der zur [...]

  18. [...] können aber auch – neutraler (???) – von der Essstörung sprechen, oder von einer Orientierungsstörung -  wer in Zeit, Raum und Gesellschaft [...]

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