Die Psyche der Übergewichtigen, oder Sexualität und Libido sind längst nicht alles

Wenn wir von der Psyche der Übergewichtigen, oder der Psychologie des Übergewichts, der Psychologie der Adipositas reden, wissen wir weniger genau, wovon wir reden, als wenn wir von der Chirurgie der Adipositas reden – ausüben können wir besonders die Adipositaschirurgie nicht, und das ist auch besser so.
Wovon wir da reden, können wir uns Amor und Psyche immerhin bildlich vorstellen bzw. visualisieren: Psyche ist aus der alten Dichtung überliefert:

“Rom verging. In den Provinzen lebte die lateinische Literatur noch weiter. Sie hat in Afrika noch eine holde Nachblüte getrieben in dem Märchen von Amor und Psyche des afrikanischen Dichters Apulejus aus Karthago (um 150).” (Klabund)

Sie war eine junge Frau, die Amor eigentlich nicht sehen durfte, konnte es aber nicht lassen.

Das heißt, Psyche und Amor gehören zusammen, wir könnten uns vorstellen, dass beide sich weiterhin einträchtig lieben – im Olymp.

Von der Mythologie her betrachtet, gehört also auch unsere Psyche an die Seite Amors und hat ohne ihn einen rechten Liebeskummer.

In den noch älteren griechischen Darstellungen wurde Psyche als Wesen mit Schmetterlingsflügeln dargestellt, und noch heute spüren wir in der nie anhaltenden Situation der Verliebtheit die Schmetterlinge im Bauch.

Mit einem Beitrag wie “Übergewicht und Psyche” wird sie bestimmt nicht glücklich – aber hoffentlich etwas getröstet.

Nachtrag:

Amor und Eros - das ist die gleiche Gestalt in verschiedenen Kulturen. Amouröse Begegnungen, erotische Episoden oder Liebesgeschichten hängen sind mit dieser Figur, die über unsichtbare Pfeile verfügt, verwoben. Unsere Kultur kennt diesen Gott scheinbar nicht mehr, und hat den Sexus auf das Podest gehoben – und das moderne kollektive Bewusstsein jagt ihm hinterher, während es Amor und Psyche vernachlässigt.

Unsere Psychologie kennt gerade noch Triebe, und davon manchmal nur Zwei, benimmt sich wie ein Ableger der Biologie. Dass wir auch eine Seele haben, oder gar eine “leib-seelische Einheit” sind, bleibt ausgerechnet in “der Diät” ausgeblendet. Sensualität oder Zärtlichkeit ist gegenüber der Sexualität, die in den Medien oft nur noch als Pornographie dargestellt wird, schon fast zum Fremdwort geworden.

Amor, oder in der griechischen Sprechweise Eros, wird dennoch häufig gesucht: In den Suchmaschinen unter dem Begriff “Erotik”…

Mit dem römischen Pendant zu “Psyche”, mit Anima und Animus, haben wir Schwierigkeiten, weil die Psychologie hier ein begriffliches Glücksspiel betrieben hat.

Nach der “sexuellen Revolution” hat sich eine Vielzahl an Wahlmöglichkeiten sexueller Präferenzen ergeben. Entpathologisierung auf der einen Seite, und wenig Befreiung auf der anderen. Nicht alles, was entpathologisiert worden ist, kann guten Gewissens als gesund bezeichnet werden.
“Neosexualität” hat den Begriff der “Perversion” abgelöst, männliche und weibliche Homosexualität sowie Bisexualität sind gesellschaftlich weitgehend toleriert. Innerhalb der Bandbreite zwischen süchtiger, zwanghafter und A-Sexualität wird die narzisstische Sexualität ohne partizipierendes reales Objekt als isolierendes Moment zu verstehen sein. Mittelalterliches Gedankengut lebt fort in der Annahme, dass Engeln genitale Erregung nicht möglich sei, eine Erektion also eher teuflisch. Parallel überhöht die mediale Reizüberflutung die Erwartungen an eine “befriedigende Sexualität” auf ein unerreichbares Niveau.
Wissenschaftlich hat die Theorie von der Libido (Lust) als letzter Triebkraft zwischen Mann und Frau usw. offenbar ausgedient.
Die massive Ausweitung der sexuellen Wahlmöglichkeiten lässt die “leiseren” Spielarten der Erotik in den Hintergrund treten. Die Rollenverteilung von Aktivität und Passivität ist prinzipiell verhandelbar und nicht festgelegt; die Mitteilung für den passiven Part bereits eine Überschreitung der Rolle. Beim Versuch, über derlei Dinge zu sprechen, sollen sich schon Manche die Zunge abgebissen haben; man/frau hätte sie vielleicht – einfühlsam – befragen sollen.

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Mehr zu den psychischen Ursache des Übergewichts findest Du im Artikel “Übergewicht und Psyche” (hier geht es besonders um die unbewussten Anteile) sowie im Blog unter der Rubrik “Psyche“. Und natürlich ist auch der Narzissmus eine psychologische Kategorie, die mit der Selbstliebe oder – entwickelter – der Eigenliebe zusammenhängt.

Die Geschichte von Amor und Psyche (einen Ausschnitt) findet Ihr auf dem Blog Kulturtussi.de.

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11 Kommentare zu “Die Psyche der Übergewichtigen, oder Sexualität und Libido sind längst nicht alles”

  1. Für mich hängt das Übergewicht zu 90 % mit der Psyche zusammen. Man ist unglücklich, kommt nicht klar und frisst weiter, um sich zu trösten.

    Unwissen über die richtigen Nahrungsmittel gibt es aber auch, und keine festen Mahlzeiten, es wird nicht selbst gekocht, zum Beispiel gibt es Fisch nur als Fischstäbchen. Die Eltern sind nur noch selten ein gutes Vorbild.

  2. Das Essen als Trost habe ich an anderer Stelle auch erwähnt. Oft genug wird es auch Trost für eine Art Liebeskummer sein – dann zieht die Libido sich aufs Essen zurück, versteckt sich oder verzieht sich.
    Aber eine allgemein gültige Aussage zu Adipositas und Libido gibt es wohl nicht. Es will ja auch nicht jede(r) sagen, was los ist. Im “gegenteiligen Fall”, bei der Anorexie, fand sich in einem Forum diese Aussage:

    “Meine Erfahrungen mit Männer und S**, je dünner man ist, je weniger wird man angeguckt und je weniger will man, hat man Kraft für, S**.”

    Nach dem obigen Zitat wäre die Libido auch von der Bewunderung oder Anerkennung, die man erfährt bzw. empfindet, abhängig.

  3. [...] so denkt, doch mal korrigieren: Die Wollust (Voluptas) ist, mythologisch betrachtet, das Kind von Amor und Psyche; wie sollte deren Kind etwas Böses im Schilde [...]

  4. [...] erscheint mir hier immer noch richtig, allerdings steht es um das Verständnis, was unter Psyche zu verstehen ist, [...]

  5. [...] quittiert hat, um bei Gucknet.de ihre erotische Kolumnen zu schreiben, sind Sexualität und Erotik doch weiterhin unverzichtbarer Bestandteil dieses [...]

  6. [...] diese netten Sachen haben sich bei der Suche nach “Ovid und voluptas” gefunden. Voluptas, Tochter von Psyche und Amor, spielt also bei der Ernährung eine Rolle, wie wir wieder [...]

  7. [...] Skript  und legt es Eurem Partner/Eurer Partnerin vor. Und wenn Ihr Euch nicht traut: Erotische Träume haben ja ihren Sinn. Und das Skript macht sie mitteilbar – dann postet es halt hier und [...]

  8. [...] mit einem (neuen) Selbstverständnis als “cougar” (~~”Silberlöwin”) neue sexuelle (nicht sensuelle) Erfahrungen [...]

  9. [...] Apuleius, in dessen Metamorphosen auch die Sage von Amor und Psyche erzählt wird,  uns damit sagen wollte, müssen wir schon selbst ahnen. Ein Hinweis liegt wohl [...]

  10. [...] Die Psyche der Übergewichtigen, oder Sexualität und Libido sind längst nicht alles [...]

  11. [...] Quintessenz von Amor und Psyche kann man doch wohl nur [...]

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