Neue Studie: Übergewicht – Therapie Faktoren des Erfolgs und Misserfolgs

Eine neue empirische Studie zur Bestimmung von Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren bei der Therapie von Übergewicht und Adipoistas liegt vor:
Die an der Hochschule Magdeburg-Stendal von Friederike John durchgeführte Studie belegt, zusammenfassend gesagt,

  1. die bloße Eingrenzung auf eine zu hohe Kalorienaufnahme in Verbindung mit einer zu geringen Bewegungsaktivität bei der Entstehung des Übergewichts muss als stark monodeterministisches Modell angesehen werden
  2. Sowohl endogene als auch exogene Faktoren sind beteiligt und die „noch sehr häufig vorherrschende Ansicht, Adipositas sei im Wesentlichen auf die Disziplinlosigkeit und persönliche Schwäche der Betroffenen zurückzuführen, (ist) als zu stark simplifizierend einzuschätzen.

Weil Adipositas als Krankheit bis heute nach dem Deutschen Sozialgesetzbuch (SGB V) nicht anerkannt ist, gibt es für eine Therapie bislang nur sehr wenige seriöse und wissenschaftlich evaluierte Therapieangebote.
Fehlende Behandlungskonzepte, zu wenige Therapieeinrichtungen und unzureichende medizinische Versorgungsstrukturen führen dazu, dass sich ein „grauer Markt“ für Abnehmwillige mit zahllosen Methoden und Produkten und Milliardenumsätzen entsteht.

So werden zwar laufend wissenschaftliche Erkenntnisse angesammelt, aber

„nur ca: % 5 Aller Betroffenen (können) das reduzierte Gewicht über einen Zeitraum von 5 Jahren halten. … Um die Therapie von Übergewicht und Adipositas zukünftig nachhaltig verbessern zu können, müssen weitere Forschungsansätze hinsichtlich der Einflussfaktoren auf eine langfristige Gewichtserhaltung durchgeführt werden.“

In der Praxis „wurde bei über der Hälfte der Teilnehmer (der Online-Studie) ausschließlich von einer Ernährungsberaterin durchgeführt , was vermuten lässt, dass die Komponenten Bewegungs- und Verhaltenstherapie nur sehr eingeschränkt bzw. überhaupt nicht berücksichtigt wurden.“

Um „bisherige Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten langfristig ändern zu können, ist es neben der Vermittlung theoretischer Grundlagen und Zusammenhänge vor allem notwendig, dass sie (die noch Übergewichtigen) praktische Fertigkeiten erlernen und einüben können. Der „durchschnittliche Anteil praktischer Übungen (war) mit gerade 17 % zu dem Anteil theoretischer Wissensvermittlung mit 83 % viel zu gering.“
Die „fehlenden praktischen Übungen und Empfehlungen zur Ernährung bzw. Bewegung während der Abnehmprogramme verhindern – jedenfalls nach Einschätzung der Teilnehmer – eine umfassende Veränderung der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten.

Auch nach der Ansicht von Experten und Wissenschaftlern brauchen wir langfristig angelegte Betreuungskonzepte, die der Adipositas als chronische Krankheit gerecht werden – im Sinne einer Langzeitbetreuung.

Das Thema Gewichtserhaltung wird vernachlässigt und sollte langfristig in den Vordergrund rücken:

„Das Hauptproblem für die meisten übergewichtigen Personen liegt … nicht in der Phase des Abnehmens, sondern bei der langfristigen Stabilisierung des reduzierten Gewichts. … Bei den hier untersuchten Programmen zeigte sich, dass durchschnittlich 78 % (der) Themen … (die)  Gewichtsreduktion und nur 22 % (der)  Themen (die) Gewichtserhaltung  behandelten.“

Die Studie gibt an, „dass bei 94 % der Teilnehmer vor Beginn der Abnehmprogramme eine Anamnese durchgeführt wurde. … Eine differentielle Diagnostik ist unbedingt erforderlich.“

Kommerzielle Abnehm- und Diätprogramme können

„selten eine  wirkliche und langfristige Gewichtssenkung bieten … . Die Betroffenen (schreiben sich) eine Gewichtszunahme nach der Durchführung eines Abnehmprogramms hauptsächlich selbst zu.
Vorrangig liegen die Gründe dafür jedoch in den Konzepten der Abnehm- bzw. Diätprogramme, die sich … nur geringfügig auf wissenschaftliche Grundlagen stützen und häufig aufgrund rigider Verhaltensstrategien sogar als gesundheitsschädlich eingestuft werden müssen.“

Friederike John fordert „ein Umdenken von Politik, Gesundheitswesen und Gesellschaft sowie eine sektorenübergreifende Zusammenarbeit“.
Bislang fehlen verbindliche Therapiestandards und Qualitätskriterien für Therapie- und Abnehmprogramme. „Mehr Transparenz und ein verbesserter Zugang zu wissenschaftliche evaluierten Gewichtsreduktionsprogrammen (ist) für die Betroffenen notwendig.”

Die Notwendigkeit,

„verstärkt darüber aufzuklären, dass die Adipositas eine chronische Krankheit mit ernsten medizinischen Konsequenzen und erheblichen Krankheitskosten darstellt und nicht ausschließlich die Folge von Willensschwäche und Disziplinlosigkeit der Betroffenen ist“

wird in der Studie klar herausgestellt.

Auf der Prioritätenliste steht somit:

  1. Vorurteile abbauen
  2. Verständnis für die Probleme Betroffener entwickeln
  3. Nachhaltig effektive Maßnahmen entwickeln und umsetzen.

Die Problematik der unzureichenden Abnehmprogramme (Jo-Jo-Effekt) wird hier klar herausgestellt.
Sehr couragiert (und das ist heute selten) wird auf die Notwendigkeit des Umdenkens hingewiesen und die einseitige Schuldzuweisung als vorurteilsbedingt herausgestellt, und auch, dass ggf. eine Langzeitbetreuung erforderlich ist, wird in dieser Deutlichkeit sonst gern übersehen.
Bei der geforderten Verhalten- und Bewegungstherapie bin ich persönlich  hinsichtlich des Aspekt “Verhaltenstherapie” skeptisch, da die psychischen Ursachen des Übergewichts vielfältig und komplex sind und mit Verhaltensmodifikationen m.E. nicht wirklich angegangen werden können. Der Ansatz “Heilung durch Einsicht” erscheint mir hier immer noch richtig, allerdings steht es um das Verständnis, was unter Psyche zu verstehen ist, schlecht.

Wie die langfristige Betreuung finanziell und personell im breiten Rahmen gesichert werden soll, bleibt rätselhaft. Eigentlich bleibt da nur die (noch nicht etablierte) Selbsthilfe. Konzepte der Selbsthilfe zu erstellen, ist wohl der nächste nötige Schritt.

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5 Kommentare zu “Neue Studie: Übergewicht – Therapie Faktoren des Erfolgs und Misserfolgs”

  1. [...] kommt die nächste Phase der Politik, und so weiter. Dass wir „ein Umdenken von Politik, Gesundheitswesen und Gesellschaft sowie eine sektorenübergreifende [...]

  2. [...] konkrete Erfolgsfaktoren entdeckt werden, sind dies Ergebnisse, auf denen weiter aufgebaut werden [...]

  3. [...] Ein meines Erachtens wichtiger Punkt im Zusammenhang mit der Behandlung sehr hohen Übergewichts wurde immerhin angesprochen: Dass es zwar Langzeitstudien zu den Risiken der Operation gibt (sehr hoch, diese chirurgischen Eingriffe gehen auch “mal” tödlich aus und können sehr unangenehme Nebenwirkungen haben), aber keine Langzeitstudien zu den Erfolgen einer konservativen Therapie mit Lebensstilveränderung. (Wahrscheinlich gibt es die erforderliche Langzeit-Therapie (noch) nicht; denn, dass stark Übergewichtige, z,B. in einer Kur, durchaus abnehmen können, ist ja erwiesen – wird die Therapie abgebrochen, tritt eben der Jo-Jo-Effekt ein.) Das heißt, und dieses Problem wurde ausgeblendet, es gibt keine ausreichende Nach- bzw. Dauerbetreuung. [...]

  4. [...] Neue Studie: Übergewicht – Therapie Faktoren des Erfolgs und Misserfolgs [...]

  5. [...] Programme beinhalten zu wenig praktische Übungen [...]

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Frische Kommentare

  • Katrin Schröder: Lieber Klaus-Peter Baumgardt, vielen Dank für diesen wunderbaren Blogbeitrag...
  • Tanja Praske: Hi Klaus aka @fressnet, ein fettes Danke für deine satirische Teilnahme an...
  • Antje: Ich habe nur ein paar Fragen, hab viel gelesen über Mangostantropfen und sehe nichts...
  • HundefreundLukas: Obwohl der Beitrag schon etwas älter ist, finde ich das trotzdem etwas krass
  • christine Bouzrou: Ich fand Ingwer mal ganz schrecklich. Mittlerweile liebe ich ihn :)

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