Schuld und Unschuld beim Übergewicht

Ein engagierter Artikel von Wolfgang Peters, am Wochenende bei der FAZ erschienen, richtet sich gegen die (Vor-) Verurteilung von Übergewichtigen, die ja (gefühlt) mangels eigenen Willens selbst schuld seien an ihrer Völlerei.

Bei Peters ist die Misere natürlich durch das egoistische Gehirn verursacht, das immer nur Glukose frisst und die auch noch anfordert, wenn der Rest des Körpers kalorienmässig schon längst genug hat, aber Energie einlagert, statt dem Gehirn seinen Brennstoff zu liefern.

Die Öffentlichkeit – Wissenschaftler, Ärzte, Diätberater, Politiker, Journalisten und alle Menschen, die betroffen sind – müsse neu beurteilen, ob die Vorstellung von der “Todsünde Völlerei”, die ja als Verbrechen behandelt und verhandelt wird noch zeitgemäß ist, ob Schuld und Schuldfähigkeit gegeben sind, und ob Übergewichtige überhaupt auf die Anklagebank gehören.

Schuldzuweisungen gehören zu den stärksten psychosozialen Stressoren, die wir kennen, und damit auch zu Faktoren, die Übergewicht verursachen und verstärken.

Damit gehört das gesellschaftliche Klima, aber auch das eigene Denken zu den Stressoren, die Übergewicht verursachen: Wer hat nicht schon einmal gedacht: “Selbst schuld, wenn Du Dich auch nicht beherrschen kannst"?”

Suchtfaktoren

Peters’ vorletzte Zwischenüberschrift lautet

Medikamente, Drogen und Alkohol

Wir wissen, dass Anpassung an chronischen Stress zu den Ursachen von Übergewicht gehört. Außerdem zählt die klassische Konditionierung durch Werbebotschaften dazu sowie eine Fehlprogrammierung des Stresssystems im Mutterleib. Auch Falschsignale wie nichtkalorische Süßstoffe haben gewichtigen Einfluss; ebenso Medikamente, Drogen und Alkohol. Die Liste der Ursachen ist aber noch länger. … Nur Therapien, die das Gehirn darin unterstützen, seine Energiekompetenz wiederzuerlangen, können bewirken, dass wir uns wohl fühlen und schlanker werden.

Diäten – das geht also schief, so Peters.

Wenn nun also auch die Portionsdiät auf den gedanklichen Sondermüllhaufen der Geschichte gehört, muss ich mich damit wohl abfinden – aber diese Frage ist noch offen.

Freisprüche für alle Triebtäter?

Nach wie vor gilt, dass “Todsünden” in gesellschaftlich geachtete Handlungen und Denkweisen überführt werden können – das wusste man auch schon im Mittelalter. Heute spricht (gestern sprach) man von Sublimierung. Nicht so Dr. Peters. Was ist mit den triebhaften Aspekten des Essens, was, wenn wir schon bei “den Trieben” sind, mit Lust und Liebe?
Wenn die Sublimierung implizit zum Konzept der Todsünden gehört (das wird sie ja wohl, denn anders ist die Rettung der armen Seelen gar nicht vorstellbar): Bei der “Unzucht” hat der Sünder die Wahl, sich für diese oder für die (christliche/reife/???) Liebe zu entscheiden, bei der Völlerei ginge es darum, diese zu lassen und eine gepflegte Esslust zu entwickeln.  Welche Entscheidungsfreiheit haben wir, wenn es um Hochmut (Geltungssucht) und Stolz geht?

Was heißt eigentlich “Energiekompetenz des Gehirns”?


Doch wohl auch, dass es ohne die nötige Kompetenz sich unnötige Gedanken macht, im Leerlauf hochdreht und nach Möglichkeiten, sinnlose Gedanken abzuschalten sucht, und dabei zu ungünstigen Strategien Zuflucht sucht.

Wo Schuldgefühle dazu führen, dass gedankliche, geistige Energie nicht mehr genutzt wird, ist ein Vorwärtskommen natürlich unmöglich. Scham- und Schuldgefühle sind innere Steuerungssysteme, die wohl mächtiger als die “Konditionierung durch die Werbung” sind – wir sollten aber auch prüfen, ob hier nur noch einfach konditioniert wird, oder schon längst Gehirnwäsche betrieben wird:
Das schuldbewusste Gewissen wird beruhigt: “Du darfst”, dann wird das Lust-Ich geködert: “Nimm zwei, drei, viele”, und im Drive-In-Leitsystem ist die Einflüsterung “Du brauchst an nichts zu denken, komm her, lass Dich von mir lenken” denkbar, und der zahlende Konsument wird abgespeist, bekommt aber nicht, was er eigentlich braucht.

Der Hinweis auf kalorischen Bedarf des “egoistischen” Hirns mag helfen, Fragen wie “Warum kann ich nicht auf Süßes verzichten?” zu beantworten, aber eigentlich geht es beispielsweise darum,

Möglichkeiten des Verzichts

zu erklären.

Oft wird das Gehirn mit einem Computer verglichen, der über Langzeitgedächtnis (Festplatte), Kurzzeitgedächtnis (Arbeitsspeicher) und Recheneinheit (Prozessor) verfügt und mit einer Software (Programmierung) angesteuert wird. Prinzip EVA: Eingabe, Verarbeitung, Ausgabe.

Und manchmal zählt das Gehirn einfach nicht mehr richtig mit: “Ein Schokokuss = 0 Schokokuss, 0+0=0”, aber bald ist die Schachtel leer.

Anhedonia, die Unfähigkeit zu genießen steckt vielleicht hinter dem Konsum, der keine Grenzen kennt und dafür keinen Genuss bietet. Oder das Belohnungszentrum ist irgendwann einmal derart überstimuliert (auch, zum Beispiel, durch ständige Verwöhnung, die dazu führen kann, eigene Anstrengungen zur Bedürfnisbefriedigung aufzugeben, also in die Passivität zu verfallen) worden, dass es nur noch auf überhöhte Reize reagiert?

Sollte die These von Konditionierung und Gehirnwäsche zutreffen, läge der Fehler aber “nur” am falschen Programm, einer Fremdsteuerung. Diäten geben sich als Bedienungsanweisungen für ihre Benutzer aus, neuerdings so ganz am Rande als “Nebenbei-Diät”, die sich in der Praxis aber als fortwährende Überprüfung jeder einzelnen Ess-Entscheidung entpuppt, also trotz anderer Bezeichnung den Charakter einer Hauptsache bekommt: Die Fremdsteuerung kann zur Fehlsteuerung werden, Autonomie-Ansprüche und Pseudo-Autonomie-Ansprüche (“Ich will essen, was ich will” und “Ich will nicht essen, was ich soll”) führen zu Konflikten.

Spannung und Energiepotential

Die Energie, die in einem ordentlichem Quantum Lebensfreude steckt, ist allerdings auch mit noch so viel Glukose, die das Gehirn in Stresssituationen zusätzlich benötige, nicht zu ersetzen.

Stress wird als Gefahr empfunden, setzt unter Druck, aber nicht unter Spannung: Die würde man eher mit Freude, Vorfreude assoziieren: Gespannte Erwartung im Theater etwa, bevor der Vorhang sich hebt.

Wer seinen Kopf einem gewissen Quantum an Licht und Luft aussetzt, kann (am besten in der Natur) “Energie tanken”.
Das Konzept der gesunden Lebensführung, eigentlich mit dem “Fremdwort” Diät bezeichnet, hat unter “energetischen Aspekten” noch so manche Überraschung zu bieten.

Da wirkt der Optimist, der positives erwartet, vitaler als der Melancholiker, der Altem hinterhertrauert und versteckte Vorwürfe in der Brust verbirgt.

Beide haben vielleicht die gleiche Energie, aber nur im Vorwärtsgang kommt “die Karre ins Laufen”.

Freud und Leid und Lebenslust

Es geht um die “Gestimmtheit des Gemüts”, um positive Anregung des Gemüts. Wobei sprachlogischerweise Gemüt und Mut zusammen gehören. Gemüt wird von Freude stimuliert, von Leiden “bedrückt”. Glück ist nicht die Abwenheit von Unglück, aber das Überwiegen von Glück und Freude.Das Gemüt “funktioniert” im sozialen Kontext, und in Bewegung. Das “innere Gleichgewicht”, die “innere Balance” ist eine Metapher, die das ausgeglichene,  von Übermut freie Gemüt bezeichnet, das, wie ein braves Uhrwerk durch die Konstanz der Bewegung des Pendels charakterisiert ist, unaufgeregt und richtig tickt ;-)

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4 Kommentare zu “Schuld und Unschuld beim Übergewicht”

  1. [...] ist hier auch schon Thema gewesen. Hier noch ein Zeitungsartikel zum Thema, der den Ansatz vom [...]

  2. [...] Ich kann heute wesentlich lockerer damit umgehen, wenn die Rede auf Gewichtsprobleme (speziell MEIN Gewichtsproblem) kommt als ich das früher konnte. Weil ich eben weiß, dass es in Wahrheit kein Problem mehr für mich ist, weil ich erfolgreich dagegen ankämpfe und irgendwann auch noch die restlichen Kilos loswerde. Ich habe einen positiven Bezug zu mir selbst und fühle mich nicht mehr “schuldig” dafür dass ich dick bin. Früher war das definitiv der Fall, ich hatte wirklich große Schuldgefühle deswegen. [...]

  3. [...] grundsätzliche Wahlfreiheit beim Lebensstil wird ja bekanntlich von Seiten der Wissenschaft in Frage gestellt, grundsätzlich braucht man nicht nur die richtigen Rezepte, sondern auch die Fähigkeit, [...]

  4. […] auch manchmal etwas zu kompliziert wird, zum Beispiel, wenn es um so etwas verschwurbeltes wie das “egoistische Gehirn” […]

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Frische Kommentare

  • Ernst: Dieser Brotaufstrich klingt auf den ersten Blick sehr lecker. Doch Leider fehlen für mich...
  • ClaudiaBerlin: Guter Rant! Vor allem die Idee, die Zielgruppe des Textes ganz klar zu...
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