Medizinische Fern-Betreuung per Telefon und Internet wird sich durchsetzen

Die gestrige Veranstaltung “Medien-Mittwoch” hat sich dem Thema "Wie das digitale Zeitalter das Verhältnis von Arzt und Patient verändert: Chancen und Nebenwirkungen von eHealth" gewidmet:
Eine Podiumsdiskussion im alt-ehrwürdigen, suboptimal renovierten Hörsaal IV der Frankfurter Goethe-Universität.

Mit dem Einbeziehung der Kommunikationstechnik in die Behandlung und Betreuung wird sich das gewohnte Bild der Medizin verändern. Nicht nur telefonische Beratung, Terminvereinbarung per web-Interface, konsiliarische Unterstützung, sondern auch Auswertung eines – beispielsweise -  zu Hause erstellten EKGs und Beratung des Patienten in einem spezialisierten Zentrum sind bisher (“Test”-)Praxis.

Zugang zu einer telefonischen “rund-um-die-Uhr-Betreuung” haben 3/4 aller Einwohner der Schweiz, in “D” gibt es Ansätze, chronisch Kranke per Telemedizin zu unterstützen, Daten abzufragen und auch an die Medikamenteneinnahme zu erinnern.

Bei großen Entfernungen und dementsprechend geringer Ärztedichte, etwa in Australien, Indien, Norwegen ist die Fernkonsultation schon länger Usus, und hierzulande dürfte sie im ländlichen Raum zur Notwendigkeit werden, wenn nicht mehr Mediziner Lust auf ein Leben als Landarzt bekommen, sondern immer weniger. Vielleicht haben diese Ärzte mehr Spaß als “Arzt im Call-Center”.

Hintergrund ist auch die Idee vom  “eigenverantwortlichen Patienten”, der sich (fachlich unterstützt) frühzeitig, bevor Schlimmeres passiert, um seine “Werte” kümmert, und das Bestreben, Kosten einzusparen.
Herzinfarkt-Patienten, Diabetiker und andere “Chroniker” sollen so besser durch Krisen geführt werden und eher wieder arbeitsfähig werden oder bleiben (Stichwort: “Dynamische Gesundheitswirtschaft”).

Datenströme ehealth - Schema

Unter “Empathie” wurde zunächst einmal “ein offenes Ohr” verstanden (die Analogie zur Telefonseelsorge – die findet anonym statt -  wurde allerdings nicht ausgesprochen); es kann aber auch im akuten Fall um die Weitervermittlung zu Klinik oder Facharzt gehen.

Die Datenströme sind hier ein äußerst sensibler Bereich (Datenschutz!), da die Beratung um so besser sein sollte, je besser die vorliegende Dokumentation der Krankengeschichte ist, fehlen Standards für die elektronische Krankenakte.

Auch die mit dem Verfahren verbundenen Geldströme sind ein schwieriges Kapitel; während sich beispielsweise Fachärzte und Fachkliniken auf Hauen und Stechen um Patienten reißen, bekommen Empfehlungen der e-health-Center m Wortsinn einen ganz besonderen Wert: Es geht nicht nur um Zeitersparnis, Rationalisierung und Verbesserung der Behandlung, sondern immer auch um Verteilungsfragen und das alte Problem Konkurrenz versus Ergänzung.

Als bisher positiv feststellbarer Effekt wurde genannt, dass ein Telecare-Center eine verbesserte Compliance (Mitarbeit des Patienten, “Treue zur Therapie” – also regelmäßig die verordneten Medikamente einzunehmen und eventuelle Übungen durchzuführen) bewirken kann; den so Betreuten mussten weniger Medikamente verschrieben werden, weil sie sich für die “Selbsthilfe” motivieren lassen konnten.

Man könnte die “digitale Gesundheitskommunikation” natürlich auch unter dem Aspekt der zwischenmenschlichen Entfremdung und immer zunehmender Bindungslosigkeit und Vereinzelung, Vereinsamung diskutieren.
Vielleicht muss man das auch, weil die Fern-Beratung zwar praktisch und zweckdienlich sein mag, aber die ärztliche Betreuung so nicht wirklich dem Wesen des Menschen gerecht wird, ergo wegbröckelnde Gruppen- und Interaktionszusammenhänge, Gruppenstrukturen,  in denen der Mensch einen angemessenen Platz einnehmen kann,  durch Neues (hier ist auch an Selbsthilfegruppen zu denken) ersetzt werden müssten. 

Die Motivation zu einem gesunden Lebensstil braucht viele Kommunikationskanäle; einige wurden auf dem Medien-Mittwoch angerissen.  Dass hierbei auch an interaktive Gesundheitsblogs zu denken ist, setze ich einmal voraus ;-)

 

auf dem Podium:

  • Dr.med. Andrea Vincenzo Braga, Mitglied der Geschäftsleitung Medi24, Mondial Service Switzerland AG
  • Dirk Russ, Arzt und Manager Business Development, SHL Telemedizin GmbH
  • Hans-Peter Bursig, Geschäftsführer ZVEI – Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V., Fachverband Elektromedizinische Technik
  • Thomas Bodmer, Vorstand BKK Gesundheit
  • Hans-Peter Bröckerhoff, Herausgeber E-HEALTH-COM als Moderator

das Publikum:

  • Viele Berater unterschiedlichster Couleur
  • Ärzte
  • Werbe-Schaffende
  • Marktforscher
  • Medienvertreter
  • uvm

Ein Video-Mittschnitt vom Medien-Mittwoch dürfte demnächst über das MM-Blog abzurufen sein.

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3 Kommentare zu “Medizinische Fern-Betreuung per Telefon und Internet wird sich durchsetzen”

  1. das wird sicher ein Weg sein, der leider Zukunft hat. Der Aspekt Entfremdung, Vereinsamung und menschliche Nähe leidet ja sowieso in diesr Gesellschaft. Schlimm ist nur, dass immer mher Leute ihre Heilung und Therapie einfach so im Internet suchen, das geht nach hinten los…

  2. Ja, ich denke auch, dass man bei diesen Entwicklungen nicht nur das Positive herausstellen darf, sondern auch die “Nebenwirkungen” sehen muss. Und die Ebene der Zwischenmenschlichkeit wird von der Medizinindustrie kaum mitbedacht – es sei denn, es wäre damit Geld zu verdienen.

    Aber noch ist es ja nicht verboten, diese Fragen “von unten” zu stellen ;-)

  3. [...] sollte man so ein Gerät auch auf Rezept erwerben können; das Thema “Telemedizin” ließe sich so auch auf wenig aufwändige Weise [...]

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