Mit Adipositas leben oder aus dem Übergewichts-Labyrinth herausfinden?

Sicher haben wir Fragen im Zusammenhang mit dem Körpergewicht – und so informieren wir uns, und zwar da, wo die Informationsspender bereitstehen.

Also bei den Berater*innen mit Versprechen wie “So werden Sie ihr Übergewicht wieder los”, gern auch mit Zusätzen wie “… und so bleiben Sie dauerhaft schlank”. Da gibt es also unterschiedliche Muster, 1000 Ratschläge mit einer Gemeinsamkeit:  Alle wollen unser Bestes,

jeder will der Beste sein, und die Allerbesten werden herausgestellt und bekommen Sendezeit, in abgezählten Minuten und Sekunden.  Die Anderen sieht man nicht, und bei den “Ernährungsdocs” haben die Damen und Herren im weißen Kittel die Hauptrolle, wo es doch eigentlich um den Patienten ginge.

Als mir neulich eine Leseprobe aus dem “Abnehmbuch” von Dr. Barbara Seriös (Name geändert)  auf den Monitor flatterte, hat mich das zu diesem Stempel inspiriert: Rezepte habe ich ja auch im Angebot – unter Anderem ;-)

Besonders das “praxistauglich” hatte es mir angetan, doch erst in Verbindung mit Gut & einfach (schnell) & gesund & günstig  wird die alltagstaugliche Rezepte-Sammlung ein wertvoller Beitrag zu einer körpergewichtsfreundlichen Ernährung . Doch so etwas ist leichter gesagt, als getan – immerhin aber ein sinnvolles Projekt, ein Projekt mit Zukunftsaussichten.

 

In den “großen Medien” wird weiter  präsentiert, wo es etwas zu verkaufen gibt, werden wir hofiert wie bei einer Kaffeefahrt, sollen Kalorien zählen oder Selbstdisziplin üben, um uns  sagen zu lasse, die hätten wir  ja nicht.
Die “Informationen” sind mit der heißen Nadel gestrickt, es gilt, “Content” zu erzeugen, Mustertexte gewissermaßen – die kann man billig einkaufen oder blockweise kopieren und ergänzen, kürzen oder neu erwürfeln:

“Die ganze Welt leidet zunehmend unter der Fettleibigkeit, immer mehr Menschen in fast allen Ländern sind betroffen. Dabei hat die Deutsche Adipositas Gesellschaft eine positive Nachricht zur Gewichtsreduktion.

Noch nie gab es so viele Anbieter für Mode bis Größe 60, immer mehr Frauen kaufen hier ein. Laut Robert Koch Institut sind 53 Prozent der Frauen und 67 Prozent der Männer in Deutschland übergewichtig, leider auch schon jedes fünfte … “.

Wie gut die “gute Nachricht” ist, und wo die Quelle für die großen Größen, also das “hier” ist, wird nicht verraten.

Die XXXL-Größen sind nun sicher keine Ursache von Übergewicht, eher die Folge (die “Konsequenz”, weil es doch heißt: “Du musst konsequent sein!”). Anders gesagt: Das ist die Schiene

 

“Mit Adipositas leben”

- wir schauen aber mal, ob da noch eine Weichenstellung möglich ist (im Sinne von “Heraus aus dem Teufels-Labyrinth”).

Das unermessliche Informationsangebot zu “Diäten” wird immer noch durchforstet – vermutlich zwecklos, doch der Tradition solcher Bemühungen und Versprechungen hinsichtlich Abnehmerfolgen entsprechend – “Was bietet Weight-Watchers“, “Wieviele Kalorien enthält ein Teelöffel Zucker?” und “Wie funktioniert die Quark-Diät?”.

 

Das ist alles schön und gut, und wenig oder weniger zielführend – das ist Diäten-Karussel, gerade wenn es um “die Wahrheit über Low-Carb” geht.
Die ständige, die bloße Dauerbeschäftigung mit “Low-Carb”, “Low-carb vs. Low-Fat” selbst basiert auf einem Suchtgeschehen:

Es gibt hierzu nicht nur eine, sondern viele  Spiegel-Titelgeschichten und ewig lange Stories, immer wieder, ohne dass früh genug mit der Feststellung; “Solche Fragen sind nicht sinnvoll zu beantworten” die Reißleine gezogen worden wäre.
Das ist wie beim “Gordischen Knoten” – wenn die Aufgabe “Öffnen, ohne das Tau zu beschädigen” lautet, ist sie unlösbar. Der Zeitungsverlag verhält sich wie der Drogendealer, fixt die Kundschaft an, und die muss immer wieder nachkaufen.

Ansonsten kommt es den Machern nicht auf “das entscheidende Detail” an – für die, die uns informieren sollen, gibt es zwischen “Diät” und “Diäten” keinen Unterschied, den es gälte, herauszuarbeiten:

Rigide Ernährungsvorschriften und ganzheitliches, aus uralten Erfahrungen genährtes  Gesundheitsverständnis setzt die Journaille gleich, um uns mit den Wahlmöglichkeiten zwischen Atkins- und Zeppelin-Diät zu verwirren und zu überfordern. Die “Bedingungen einer gesunden Lebensweise” sind eigentlich nie der zentrale Gegenstand.

Interessant, was das Publikum meint – da gibt es  zur “Wahrheit über Kohlenhydrate” mehr als  tausend Kommentare in allen möglichen Schattierungen.

  • “Hab meine Ernährung umgestellt; die Chips stehen jetzt links vom PC”
  • “Wenn ich nur am Essen vorbeigehe habe ich – schwupps – ein Kilo mehr. Aber arbeite hart dran, abzunehmen.”
  • “Dieses Video zeigt die Probleme der Zucker-Ahängigkeit”

Bei “Abhängigkeit” klingeln die Alarmglocken: Was, wenn “Übergewicht” irgendwie mit einer möglichen Suchterkrankung zusammenhängt – welche Therapie gibt es denn dann, wenn es nicht mit einfachem Umstellen der Naschereien getan ist?

Aber noch ein Verdacht keimt auf:

Dass die “fachkundigen Kommentare” (früher: Forenbeiträge) nicht immer der Wahrheit entsprechen, eher die Funktion haben können, sich interessant zu machen.

“Habe schon wochenlang auf jeglichen Zucker verzichtet oder auch Kohlenhydrate weggelassen. Bislang hat mir aber nichts so viel gebracht wie Intervallfasten”.

Klar, jetzt könnte man das eine Thema unabgeschlossen lassen und bei der nächsten Baustelle weitermachen – lassen wir also die “Vorteile der komplexen Kohlenhydrate” aus, um zu einem grundsätzlichen Problem zu kommen:

Wenn wir der wissenschaftlichen Bewertung von Adipositas folgen und sie also als “multifaktoriell gegründete chronische Krankheit” verstehen, verbietet uns dieses Verständnis nicht, einzelne Faktoren zu betrachten, es verbietet sich aber, eine alleinentscheidende Rolle von Einzelfaktoren anzunehmen, um von dem Zusammenspiel der vielen Faktoren abzusehen.

 

 Despite the scientific community recognising obesity as a multifactorial chronic disease which requires long-term management,8,9 it is often considered to be the responsibility of the individual by governments, healthcare systems and even people with obesity.10,11

Fast immer, so die verstaubte Erzählweise der unkritisch-Angepassten, geht es um persönliches Durchhaltevermögen, bei Menschen, die in einer dickmachenden Umgebung leben, in einer Gesellschaft, die “basale Bedürfnisse” unbefriedigt lässt, damit den Zugriff auf Ersatz/”Entschädigung”/Belohnung  in archaischer Form (Süßkram/Fleischbrocken/Knusperzeugs) fördert.

Erfrischung und Lebensfreude verspricht die Lebensmittelindustrie, und manchmal obendrauf eine Portion Gesundheit. – doch enthält beispielsweise der aktivierende Trinkjohurt zusätzlich zu den Yoghurtkulturen, die das Immunsystem stärken sollen, auch Zucker, der nichts Gutes bewirkt. Und Zucker hat die Probandin aus dem Filmbeispiel schmerzlich vermisst-

Hätte sie mal einen ordentlichen Bohneneintopf gegessen, hätte sie keinen Zuckermangel verspürt ;-) .

Noch ein Systemfehler kann bei der filmischen Dokumentation von “Diätanstrengung” auftreten:
Das Versuchsobjekt wird durch das Setting  (un-) bewusst gefördert, motiviert, unterstützt oder auch demotiviert.
Ohne Versuchsleiter*in könnten diese Erkundungen ganz anders ausgehen. Neben den objektiven Fakten (Temperatur, Menge, Zeit, Frische, Farbe und Konsistenz der Nahrungszubereitung   und vielem mehr) gibt es ebenso viele subjektive Faktoren, es kann hier also auch kein “rein objektives Ergebnis” geben.

Zudem: Die Versuchsleiter*innen des Vertrauens können sich jeweils das Versuchskaninchen aussuchen, das zu ihnen passt (“Casting”), sie zumindest anhimmelt und bewundert. Dadurch haben sie wiederum die Energie, das Versuchskaninchen in einem güldenen Licht erscheinen zu lassen, während sie bei “komplizierteren Fällen” besser eine Gesichtsmaske aufsetzen sollten, weil sie permanent die Nase rümpfen.

Die Befunde aus dem einen Setting dürfen nicht ohne weiteres für ein anderes (Alltags-) Setting übertgangen werden. Was zählt, ist

  • wie die Geschichte langfristig ausgeht
  • wie die Nahrung, die die Abnehmwilligen sich einverleiben, wahrgenommen wird
  • wie welche Nahrung zubereitet wird
  • wie die “schädlichen Gewohnheiten” (naschen, überessen) überwunden werden
  • wie dieser Prozess im Zusammenhang mit dem Umfeld zu verwirklichen ist.

Der Begriff  “multifaktorieller psychosozialer Gesamtzusammenhang” ist mehrheitlich noch nicht ganz angekommen, nicht recht verstanden. Wir kennen zwar Essstörungen, doch die werden verhaltenstherapeutisch und mit lebensrettenden medizinischen Maßnahmen angegangen.  Zum Teil kommen hier auch pädagogische Methoden zum Einsatz oder sollten öfter eingesetzt werden.

“Mutifaktoriell” heißt (vorab) auch: Nicht nur auf der bewussten Ebene, sondern auch auch auf der vorbewussten und unbewussten Ebene “spielen” die entsprechenden Faktoren zusammen. Dass Versuchsleiter*innen und allgemein im therapeutischen Milieu wirkende Personen  hinsichtlich der Ebene des Unbewussten nicht ganz blind sein sollten, mit “Übertragung”, “Widerstand” und “narzistischer Kränkung” sich idealerweise auskennen, ist keine überzogene Forderung, sondern eine Forderung, die auf den Tisch gehört.

Ebenso ist hier zu fordern, dass das Leitungspersonal eine akzeptable Kürbissuppe und pflanzliche Frikadellen zubereiten kann, sich auch mit  diversen Methoden der Fermentation auskennt und  “Tierethik” nicht für ein neues Verfahren zur Optimierung des Fleischertrags hält ;-) .

 

Langzeittherapie ist unter den “Sparzwängen” des Gesundheitswesens die absolute Ausnahme, und Langzeitstudien über Langzeittherapien gibt es als Ausnahmefall vielleicht für die Psychoanalyse, nicht aber über irgendeine der (fiktiven)  Adipositastherapien. Gäbe es sie, wäre Zauberei oder Magie im Spiel ;-).

Im Bereich Psychotherapie gibt es Bestrebungen, das System der “therapeutischen Versorgung” in ein neues Raster zu zwängen, und so finden wir ordentlich “gemachte” Präsentationsfolien, die den Verlauf der Behandlung in ihren Einzelaspekten abbilden:

 

Es wäre vielleicht fruchtbar, die hier genannten Qualitätsaspekte auf eine denkbare, aber noch nicht existente Adipositastherapie, die “Body & Soul” anspricht,  zu übertragen. Mit dem Begriff “Psychosomatik” wäre das Dach, unter dem diese Behandlung stattfände, auch nicht ganz namenlos.

 

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