Die sozial-ökologische Diät

Schon wieder eine IDW-Mitteilung, die Freude aufkommen lässt: Nach der Anleitung zur Stärkung der Willenskraft, oder Selbstkontrolle, oder Selbstdisziplin jetzt Erläuterungen zum Lebensstil der Zukunft: Denn so wie bisher geht es ja nicht weiter; es kann einfach nicht sein, dass die gesamte Menschheit so viele Ressourcen verbraucht wie wir auf der nördlichen Halbkugel.

Wobei Begriffe von Lebensformen  wie „Lifestyle of Health and Sustainability“ (LOHAS) aus der  Marktforschung stammen und weder eine Religion noch eine politische Bewegung bezeichnen ;-)

In den letzten Jahren macht international eine spezifische Lebensform von sich reden, welche die Marktforschung als „Lifestyle of Health and Sustainability“ (LOHAS) kennzeichnet: Eine positive Umwelteinstellung geht mit der Bereitschaft einher, in weiten Bereichen umweltorientiert zu handeln.

Gründe dafür liegen in der Vorstellung des „richtigen Lebens“, einem Mehr an sozialer Gerechtigkeit und dem Wunsch, sich und seine Familie gesund zu ernähren. Sehr aktuell taucht nun auch in Deutschland ein ähnlicher neuer Lebensstil auf, den die Forscher „sozial-ökologischen Lebensstil“ nennen. Zirka sieben Prozent der vom Sinus-Institut Heidelberg befragten Personen sind diesem Lebensstil zuzurechnen.
Ihre Vertreter sind gut gebildet, verfügen über ein mittleres bis hohes Einkommen und gehören zur bürgerlichen Mittelschicht. „Inwieweit wir es mit einem Trendmilieu zu tun haben, dessen Orientierungen zukünftig auch in anderen Milieus diffundieren werden, wird sich in der Zukunft zeigen“, so die Frankfurter Soziologin.

Ich finde es wirklich erstaunlich, wie die Verwandtschaft des “neuen Lebensstils” mit dem antiken Begriff “Diät” ausgeklammert bleibt. Als wäre das moderne Denken absolut neu und hätte keine Wurzeln.

Was am Verhalten der “aufgeklärten Konsumenten” sonderlich sozial sein mag – sicher, sie meinen es gut mit sich und

zeigen kaum Neigung, auf große Autos oder Fernreisen zu verzichten. Studien belegen, dass Menschen mit einem mittleren bis hohen Umweltbewusstsein in sogenannten „low-cost“-Bereichen (wie Mülltrennung und energiesparendem Heizen) durchaus umweltbewusst agieren, aber nicht in „high-cost“-Situationen (wie beim Verzicht auf das eigene Auto oder Fernreisen).

Trotzdem: “Sozial-ökologische Lebensweise” klingt schon ganz vertraut. Wahrscheinlich, weil “sozial” schon als Namensbestandteil von der einen oder anderen politischen Partei bekannt ist.

Umgangssprachlich beinhaltet “sozial”

die Fähigkeit (zumeist) einer Person, sich für andere zu interessieren, sich einfühlen zu können, das Wohl Anderer im Auge zu behalten (Altruismus) oder fürsorglich  auch an die Allgemeinheit zu denken. Aber es bedeutet auch, anderen zu helfen und nicht nur an sich selbst zu denken. Zahlreiche Abschattierungen bestehen, so zum Beispiel, gegenüber Untergebenen großmütig oder leutselig zu sein, gegenüber Unterlegenen ritterlich, gegenüber Gleich- und Nichtgleichgestellten hilfreich, höflich und taktvoll und verantwortungsbewusst.

So Wikipedia. Was ich hierbei vermisse, ist das “Wir-Gefühl”. Denn eigentlich, so die gleiche Quelle, bedeutet “socius” “gemeinsam, verbunden, verbündet”, und das ist heutzutage gar noch global zu denken.

Eine sozial-ökologische Diät (=Lebensstil, Lebensweise) würde also doch die Gruppe voraussetzen, mit, in  der sie, gemeinsam, funktionieren kann.

 

 

Informationen: Prof. Birgit Blättel-Mink, Soziologie mit dem Schwerpunkt Industrie- und Organisationssoziologie, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Campus Bockenheim, Tel.: 069/798-22542, b.blaettel-mink@soz.uni-frankfurt.de

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