Arte erklärt Amok mit Narzissmus

Wenn ein Blog-Beitrag mal nicht so gut „geht“, ist das kein Beinbruch – die kommerzielle Presse muss ja ständig auf Auflagenzahlen und mithin „Aktualität“ und gerne auch Sensationsnähe achten. Dementsprechend ist die Diskussion jugendlichen Wahnsinns und entsprechender Handlungen seit „Winnenden“ wieder verebbt. Mit ein wenig Hartnäckigkeit soll sie  hier aber noch ein Stück weitergetragen werden. Weitgehend unbeachtet, wurde bei ARTE  „Maligner Narzissmus“ als Erklärungsmuster benutzt:

Der Text findet sich auf einer separaten Seite, und eigentlich recht unvermittelt:

Damit aus Amokphantasien, von denen viele Zeitgenossen gelegentlich heimgesucht werden, tödliche Realität wird, muss aber noch etwas anderes hinzutreten.

Und jetzt kommt aber nicht, wie erwartet, die Erklärung über die die Abstumpfung durch Killerspiele, die durchaus auch ihre Berechtigung hätte, sondern etwas „ganz anderes“:

Bis dato bliebe immer noch der Ausweg des „einfachen Suizids“.
Wir müssen annehmen, dass das am Boden liegende, gekränkte Selbstwertgefühl durch den wuchernden Hass kontaminiert wird. Das, was Kernberg den „malignen Narzissmus“ nennt, ist dadurch charakterisiert, dass archaische Größen- und Allmachtsphantasien, die keine angemessene Korrektur und Relativierung erfahren haben, sich mit Zerstörungswut und Sadismus anreichern. Die Vorstellung, andere Menschen zerstören und in Furcht und Schrecken versetzen zu können, wird zu einer Quelle von Macht- und Überlegenheitsgefühlen.

Es wäre ganz nett gewesen, wenn wir hier noch, vor der Einführung des „malignen Narzissmus“, also des bösartig-krankhaften, den „normalen“ Narzissmus angesprochen gefunden hätten…
Oft wird auch „einfach“ vom „pathologischen Narzissmus“ gesprochen…
Abgesehen davon, ist der einleitende Satz ein Ausbund an Gefühllosigkeit, an Freiheit von Mitgefühl – als gäbe es sonst keine Alternativen, keine konstruktiven Lösungen, keinen anderen Umgang mit Kränkungen durch ein krankes System: Kollateralschäden als das kleinere Übel?

Um der eigenen narzisstischen Katastrophe zu entgehen und unerträgliche Gefühle von Angst, Ohnmacht und Hilflosigkeit abzuwehren, wird das eigene Innere nach außen gestülpt und mörderisch-selbst- mörderisch in Szene gesetzt.

Die Gefühle von „Angst, Ohnmacht und Hilflosigkeit“ waren im „Original-Mythos“ bereits bei der Mutter angesiedelt, und der „narzisstische Jüngling“ hatte einen im wahrsten Sinne des Wortes ungreifbaren, also auch unangreifbaren Vater…

Der Erhalt des Selbstwerts und der Integrität der Persönlichkeit kann ein Motiv menschlichen Handelns sein, das höher wiegt als die Sicherung des eigenen reduzierten Überlebens. Bevor innere Spannungen das Selbst sprengen, sprengt der Täter in einer Art von Vorwartsverteidigung Teile der Außenwelt in die Luft. Er habe sich von der Gesellschaft ausgeschlossen gefühlt und „existieren“ wollen, „dafür musste ich jemanden töten“, sagte der Amokläufer von Nanterre nach seiner Festnahme.

und:

Die Zerstörungswut des Kleinkindes, das sich verlassen, missachtet und verzweifelt fühlt und deshalb am liebsten alles in Stücke schlagen möchte, ist durch seine mangelnde Körperkraft begrenzt; jetzt steckt dieselbe raptusartige Wut im Körper eines Erwachsenen. der sich Zugang zu Waffen, Autos oder gar Flugzeugen verschaffen kann.

Will sagen: Wenn wir diese schrecklichen Katastrophen, die Jugendliche auslösen können – heute hat in der Nähe von Gießen ein Jugendlicher seine Mutter mit der Axt erschlagen – mit „Narzissmus“ erklären wollen, werden die Motive nur mystifiziert und ins unverständliche abgeschoben. Wut muss dabei eine Rolle gespielt haben – aber worauf konkret? 

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2 Kommentare zu “Arte erklärt Amok mit Narzissmus”

  1. (…)
    Ja, Sie haben Recht: bevor man von „malignem Narzissmus“ schreibt, sollte vorher schon kurz der allgemeine Narzissmus erklärt werden. Andererseits hätten Sie sich aber auch selbst darüber informieren können. Informative und nützliche Seiten im Web gibt es ja genug, bei Wikipedia angefangen. (…)
    Ich bin selber Opfer eines malignen Narzissten, ich weiss also sehr genau, wie das in der Realität aussieht und vor allem – wie es sich anfühlt! Ihre (…) Reaktion hat mich sehr verärgert. (…)

  2. @ vj:
    Dem Arte-Artikel über malignen Narzissmus ist noch ein Artikel
    Entgesellschaftung – Sozialer Rückzug – „Brüten“
    http://archives.arte.tv/de/archive_93244.html
    vorgeschaltet.
    Was das sich-informieren betrifft: Der Artikel enthält ein paar Links zu anderen Artikeln, das ist auch beim Wikipedia-Artikel so. und den anderen Erklärungen, oder Erklärungsversuchen, die ich nicht für allzu allgemeinverständlich halte.
    „Wie das sich in der Realität anfühlt“, und wie man mit massivem Ärger umgeht, das ist allerdings ein schwieriges Kapitel…

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