Anti-Langeweile-Strategien, Teil II

Mit dem Artikel

Hilfe bei Trinken und Essen aus Langeweile: gebt der Phantasie eine Chance!

wirklich zufrieden zu sein, gelingt mir nun doch nicht, aber ganz gute Ansätze hat er ja. Was dort fehlt, ist ein wenig Ursachenforschung.

Denn: Wem langweilig ist, der “kann mit sich selbst nichts anfangen”, womit die Sache auch schon erklärt wäre.

Die Hintergründe allerdings sind gar nicht lapidar: Einer der wichtigsten Faktoren in der menschlichen Entwicklung ist die Neugier. Ein Kind kann Neugier nur auf dem Hintergrund einer sicheren Beziehung zu den Bezugspersonen entwickeln, und die Neugier schützt gleichzeitig vor einer zu engen Bindung, da sie die Voraussetzung für Lernen und Autonomie ist. Dass bei gesunder Neugier, gesundem Interesse an der Umwelt Langeweile gar nicht in Frage kommt, dürfte klar sein…

Das kindliche Bedürfnis nach Nähe, Schutz und Bindung korreliert [steht im Zusammenhang] mit seiner Offenheit für die Außenwelt und seinem Wunsch, sie zu erkunden – dem kindlichen Bedürfnis nach Exploration [dem “Forschertrieb”, der Neugier]. (Quelle)

Mit diesen Fragestellungen hat sich die Bindungsforschung, deren Pionier BOWLBY war, auseinandergesetzt, und die eine oder andere Studie ist recht eindrücklich, was die Ergebnisse betrifft:

In der sog. "Fremde Situation" kann bei 1- bis 2jährigen Kindern die Interaktion zwischen Erkundungs- und Bindungsverhalten beobachtet werden: Dazu werden die Kinder zusammen mit ihrer Mutter in einem fremden, aber übersichtlichen Raum gebracht. In diesem Raum stehen zwei Stühle (für die Mutter und später hereinkommende Fremde) und ein mit attraktivem Spielzeug ausgestatteter Spielteppich.

Zunächst wird das Erkundungsverhalten des Kindes beobachtet, dann tritt eine freundliche (fremde) Person ein, die erst mit der Mutter, dann mit dem Kind Kontakt aufnimmt; die Mutter verläßt daraufhin kurz den Raum, aber die fremde Person ist noch bei dem Kind; später verläßt die Mutter erneut den Raum und das Kind ist kurzfristig allein, bevor die Mutter wieder zurückkommt.

Insbesondere bei der Rückkehr der Mutter zeigten sich Unterschiede im Bindungsverhalten, die als "sicher" bzw. "unsicher gebunden" klassifiziert wurden:

 

  • Kinder mit sicherer Bindung … suchen und wahren den Kontakt zur Mutter; sie zeigen kaum Kummer, wenn sie allein sind, …. Wenn die Mutter zurückkommt, wird sie vom Kind überschwenglich begrüßt, das Spielzeug ist nicht mehr von Interesse. Das Kind zeigt keinerlei Widerstand gegen ein Aufnehmen durch die Mutter, sondern entspannt sich in ihren Armen.
  • Unsicher-vermeidende Kinder … zeigen eher Unmut über das Alleingelassen werden. Mutter und Fremde behandeln sie fast gleich und ignorieren die Mutter fast, wenn sie zurückkommt; manche wenden sich ab und meiden sogar die Nähe der Mutter. Beim Aufnehmen durch die Mutter wehren sie sich nicht, bleiben aber verspannt und zeigen auch keinen Unmut, wenn sie wieder auf den Boden gesetzt werden.
  • Unsicher-ambivalente Kinder … werden laut und wütend, wenn sie allein gelassen werden. Bei der Rückkehr der Mutter verhalten sie sich ambivalent, einerseits suchen sie den Kontakt zur Mutter, andererseits widerstrebt ihnen dies aber.
  • desorganisiert/desorientiert
    (Quelle)

Es wird deutlich, dass je nach “Bindungstypus” die Einsamkeit, das Alleine-Sein/Alleingelassen-Werden unterschiedlich verarbeitet wird und nur im glücklichen Fall gar kein Problem darstellt.

“Gute Ratschläge” wie: “Wenn Dir langweilig ist, dann lies doch ein Buch” sind vor diesem Hintergrund streng genommen nicht unbedingt gute, sondern nutzlose Ratschläge: Das eigentliche Problem ist das Gefühl, alleine gelassen zu sein. Das könnte gelöst werden, indem man neue Kontakte sucht. In diesem Sektor ergreift die Ernährungsberatung noch gar keine Initiative…

Bezeichnend ist auch, dass man im Zusammenhang mit der Bindungsforschung immer erst am Ende des Artikels “erfährt”, wie wichtig die Rolle des Vaters in diesem Zusammenhang sei, dass die Auseinandersetzungen der Eltern im Vorfeld ihren negativen Niederschlag hinterlassen.

Die Auswirkungen der zerrütteten Verhältnisse auf die Erwachsenen sind noch merkwürdig unerforscht, und es gibt wenige Beispiele, was die Auseinandersetzung damit betrifft – aber gerade zum Verständnis der “Mechanismen” bei Entscheidungen wie Freundschaft, Partnerwahl und miteinander-Auskommen sind die Ausgestaltungen der Bindungen wichtig.

Und, wahrscheinlich, eben auch sogar bei der Langeweile, und deren Umformungen.  

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3 Kommentare zu “Anti-Langeweile-Strategien, Teil II”

  1. Nachtrag:
    „Nähe zur Bindungsperson mit Blick- und / oder körperlichem Kontakt über eine kurze Zeit beenden i. d. R. bindungssuchendes Verhalten. Das Kind fühlt sich sicher und kann neugieriges Explorationsverhalten (Erkundungsverhalten) zeigen.

    ==> Hierbei zeigt häufige Rückversicherung durch Blickkontakt zur Bindungsperson bei jungen Kindern, wie wesentlich sichere Bindung für die Erforschung der Welt und die spätere Aussteuerung beider Pole im Sinne gesunder Autonomie ist.“

    aus: Wikipedia-Artikel

  2. […] Impulse, also durch zwischenmenschliche Interaktion – womit die Ausprägung der menschlichen Bindungen auch auf der “chemischen Ebene” verstärkt (oder manifestiert) wird, was ja schon längst […]

  3. […] musste, und hatte auch wenig Wahl, wenn es überfüttert wurde. Da muss schon die eine oder andere Ambivalenz übrig bleiben… Da NES viel mit Alltagsstress zu tun habe, sollte man vor dem Schlafengehen […]

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