Anitiautoritärer Dadaismus – Dogmatische Diät?

In den letzten Minuten der Titanic hat das Orchester „bis zum bitteren Ende“ weitergespielt; wenn „die Kultur“ ihre Arbeit macht, heißt das also nicht unbedingt „Alles im Griff“ auf dem sinkenden Schiff, aber wenigstens hat die Bordkapelle die herrschende Stimmung verbessert (?).

Gelegentlich ist kulturelles Schaffen weit entfernt von schöpferischen Prozessen, von Bildung durch Leitkultur, und wenn die Zuschauer sich fragen, was sie sich damals warum angetan haben, dürfen sie in der Folge sich für richtige Kultur einsetzen, mit fraglichem Erfolg:

 

1974 erschien in kleiner Auflage ein Buch, dessen Seiten durchweg mit einem einzigen Wort, „Murmel“, bedruckt waren, und die Mär besagt, dass es heute hochpreisig gehandelt wird, wenn es gebraucht auf dem Markt auftaucht. „Wir“ verdanken es dem Dada-, Aktions- und Objektkünstlers Dieter Roth (1930–1998).

Aus dem  Wo-da-ach-da, da-Buch hat Herbert Fritsch das Theaterstück  «Murmel Murmel»  gestrickt, jemand hat es aufgeueichnet, und so können wir es noch heute streamen; ich vermute ja, dass Max Kruses „Urmel“ bei der Rothschen Wortfindung ursächlich beteiligt war, alternativ gibt es noch die Deutung, dass „Murmel“ auf eine fehlgeleitete Übertragung von „Durmel“ zurückführbar ist. 90 Minuten am Stück das „ewige Durmel“, das „ungeschickte Person“ bedeutet, zu lesen, sprechen oder hören hätte Züge von Gnadenlosigkeit und wäre unerträglich.

Also schiebt man die Ungeschicklichkeiten samt Folgen zur Seite, murmelt, brabbelt vor sich hin und vermittelt, da man ja im Theater agitiert, ein Gefühl kultureller Eliten-Zugehörigkeit. Soap und Kitsch verbleiben als tägliches Brot für die Armen, denen das „kräftig Zubeißen“ schon vergangen ist.

Der Dadaismus der 68er Jahre war notgedrungen mit der damaligen antiautoritären Welle verbunden; „Gehorsam-STOP“ auf dem Titelblatt der Arnstedter Gymnasiasten-Zeitung ist etwas Anderes als“Gewalt-Stop“.

Dass Gehorsam und Gehorsam nicht das Gleiche sind, haben Margarethe und  Alexander Mitscherlich in ihrem Buch „Die Unfähigkeit, zu trauern“ ausgearbeitet.

Das Verhalten des Menschen wird in der sozialen Ebene durch die Dreiheit von Triebgehorsam, Lerngehorsam und Gewissensgehorsam reguliert, und außerdem ist er fähig, in allen Ebenen ungehorsam zu sein.

Man kann auch zwischen Es-, Ich- und Gewissensgehorsam unterscheiden und das Konzept auf die Einhaltung von Diätregeln übertragen:

Wir wissen nicht, wem der „Hammermann“ gehorcht, aber das tut er bis zum Umfallen

 

Es-Gehorsam (Es-bezogene Bedürfnisse):

  • Der „Es-Gehorsam“ deutet  auf die Befriedigung von Grundbedürfnissen und impulsives Verlangen hin. Der Drang, sofort den Hunger zu beseitigen und sättigende Nahrung zu bekommen, steht zunächst im Vordergrund.  Für dieses „purifizierte Lust-Ich“ gilt: Wer stark vom Es-Gehorsam beherrscht ist, muss Schwierigkeiten haben, kurzfristigen Verführungen zu widerstehen. Dass eine Nähe zur Sucht gegeben ist, deutet sich schon sprachlich an: Der Sog und das Saugen, das „Genießen in großen Zügen“ und das Schlucken und Verschlingen haben ein gleiches Bedeutungsfeld, und wo ein zu großer Brocken in den falschen Hals gerät, kann das das Aus für ein noch junges Leben bedeuten, wenn keine „Care-Person“ verfügbar ist.

Wer einen Halt im Leben sucht, findet ihn, in Gelb, in der Strassenbahn

 

Ich-Gehorsam (Ich-bezogene Selbstkontrolle):

  • Die Fähigkeit des Ichs zur Selbstkontrolle und zum rationalen Handeln zu überschätzen, läge bei vorwiegendem Wunschdenken nahe. Im Zusammenhang mit Diäten wird erwartet, dass die Person rationale Entscheidungen trifft,  kurzfristige Bedürfnisse überwindet und langfristige Ziele verfolgt. Die Einhaltung von Diätregeln fordert das Ich und erfordert den Ich-Gehorsam, wissend, dass es darum geht, Entscheidungen für die eigene Gesundheit zu treffen.

 

Das Feuer, gar das Gewittermit Blitzen und Donner zu beherrschen, ist ein archaischer.menschlicher Wunsch, und wer es damit übertreibt, investiert viel mit geringer Rendite.und manchmal hohen Verlusten. Feuerwerk

 

Über-Ich-Gehorsam (Über-Ich-bezogene Normen und Ideale):

  • Verinnerlichte, „internalisierte“ Normen und Ideale der Gesellschaft oder signifikanter Autoritätsfiguren gibt es in unterschiedlichen Ausprägungen, das aber immer.
  • Sozialen Normen und Ideale  von Schönheit, Gesundheit oder gesellschaftlich akzeptiertem Gewicht gibt es auch „immer“; sie haben zudem eine Entsprechung im eigenen Idealbild, „Selbstideal“ – im Kontext von Diäten könnte dies bedeuten, dass die betroffene Person versucht, einem Trugbild zu entsprechen. „Verstöße“ gegen die Einhaltung von Diätregeln führen zu Konflikten – wenn die internalisierten Über-Ich-Normen „überfahren“ werden, entstehen Schuldgefühle, die die Selbst-Akzetanz beeinflussen und einigen Aufwand zur „Reparatur“ erfordern.

Da das Gewissen, so der umgangssprachliche Begriff des Über-Ich, Gewissensqualen, zumeindest Pein verursachen kann, wird es im Suchtprozess per Suchtmittel ruhiggestellt, „abgeschaltet“ -unter dem Einfluss von „malignen Introjekten“, quasi Einflüsterungen, über die man allgemein nicht spricht. Biochemische Regularien im Sinne von „Türöffnern“, die Fresshemmungen aufheben, wenn es um Substanzen geht, die im Belohnungszentrum des Gehirns wirksam werden, sind auch nicht ganz unbeteiligt.

Paprika-Tomatenletscho mit Semmelknödel aus dem Glas, noch ungedämpft.

 

Die Einhaltung von Diätregeln wäre logischerweise das erste Gebot, wenn „die Diät“ erfolgreich verlaufen soll. Insofern können wir, wenn es schon um „Gehorsam“ geht, auch den

Regel-Gehorsam bedenken:

  • Dieser fällt nicht vom Himmel, sondern ist „einfach so“ vorhanden oder ist nicht vorhanden. Wo er fehlt, wird das allgemein kaum als Mangel empfunden, sondern sogar als Manifestation von „Freiheit“ miss-interpretiert.

Wir hatten einmal „antiautoritäre Zeiten„, diese Welle ist verebbt. Die Ablehnung von jeglichem Gehorsam und die Unfähigkeit, zu trauern stehen in dem Zusammenhang, dass die „verbotene“ Trauer um historische Figuren und Pseudo-Ideale sich quasi „von selbst verboten hatte“, denn um einen „Führer“, der – nicht ohne Massen von Mitläufern und Förderern – nicht nur historische Fehler wiederholte, sondern „völkisch-arisch-sonderidealisierend“  mit unsäglicher Menschenverachtung und -Vernichtung   „Alles“ aufs Spiel setzte, zu trauern erschien unmöglich, erst recht, weil die gesellschaftliche Mitschuld zu klären mehr als schwierig war.

Dadurch war der antiautoritäre Reflex in gewisser Weise unausweichlich – mit Slogans wie „Verbote sind verboten“, die zutiefst für eine Konservierung des Unwissens, vermehrtes „Ich weiß von nichts-Schulterzucken“ und rigide Ratschläge sorgten, die nicht zu befolgen waren, aber als Schuldzuweisung („Wenn Du Dich nicht an die Regeln hältst, ist Dir nicht zu helfen, daran bist Du selbst schuld“) fungierten. Närrische Redewendungen wie „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott“ beweisen nur die Unfähigkeit, als echte Autorität Verantwortung zu übernehmen.  Eine offene Frage bleibt, wer den offensichtlich gelernten bzw. zu lernenden Regel-Gehorsam  vermittelt.

Nehmen wir das Foto von der Strassenbahnhaltestelle als Hinweis für einen kurzen Stop, eine Pause.

Die Erkenntnis, dass im multifaktoriellen Gesamtgeschehen der Adipositas  auch das komplexen Zusammenspiel der  verschiedenen Gehorsamsformen eine Rolle spielt, bedeutet:
Während der Ich-Gehorsam dazu gehört, um bewusste Entscheidungen für eine gesunde Ernährung zu treffen, können sowohl Es-Gehorsam als auch Über-Ich-Gehorsam die Motivation und den Druck beeinflussen, diese Regeln einzuhalten. Individuelle Unterschiede in der Dominanz dieser Gehorsamsformen können die Herausforderungen und Erfolge bei der Einhaltung von Diäten beeinflussen.

 

 

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Ein Kommentar zu “Anitiautoritärer Dadaismus – Dogmatische Diät?”

  1. […] Vergangenheitsbewältigung unter der Unfähigkeit, zu trauern war es ja schon im vorherigen Artikel gegangen – daraus […]

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