“Na, im wievielten Monat sind Sie denn?” – Diät und Geschlecht

Nehmen wir mal an, es gibt nicht nur Kalorien, die im Magen und Darm für unsere Zwecke verwertet werden, sondern auch Geistige und Emotionale Nahrung. Eine emotionale Energie, die ihren eigenen Stoffwechsel hat, deren Überschuss sich z.B. in strahlenden, leuchtenden Augen bemerkbar macht. Das Wort “Anerkennung” deutet ja schon den Ursprung so einer Energie an: Erkannt zu werden, gesehen zu werden. “Erkenntnis” soll ja zuweilen auch mit Glücksgefühlen verbinden sein – bei der Erkenntnis trauriger Tatsachen, tja, da weiß man es nicht, worin da das Glück bestehen soll. Aber man muss ja nicht den Kopf in den Sand stecken – die Vogel-Strauss-Politik schützt leidlich vor Erkenntnis, macht aber mit Sicherheit nicht glücklich, allein schon, weil Mensch sich in dieser Körperhaltung einfach auf Dauer nicht gut fühlt und der Umwelt das falsche Körperteil als erhabenstes präsentiert, was zu Missverständnissen führen kann.
Und man brauchte Reserven, Vorräte an dieser emotionaler Energie (einem EQ gibt es ja schon, und auch den Begriff der Bioenergetik, bei dem man ja auch von Energiefluss und Blockaden, selten von Kurzschlüssen und mangelhafter Isolation, “Batterien” und Verbrauchern spricht). Die Libidoökonomie hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten, Investitionen auf diesem Gebiet haben ja einen exorbitant hohen Ertrag – erste Forschungen auf diesem Gebiet sind in den dreißiger, vierziger Jahren verboten worden, um das Volk nicht vom Glauben an den Endsieg abzulenken, oder auf dumme Gedanken zu bringen.


Strahlende Augen
hat man neulich einer Kollegin attestiert, bei der Physiotherapeutin; weil sie so viel zu schultern hat, hatte sie es im Kreuz. Die Physiotherapeutin hätte die Kollegin fast nicht mehr wiedererkannt, so viel hat die Kollegin in den letzten zwei Jahren abgenommen. Also bekommt sie seit einiger Zeit häufig Komplimente, wird angesprochen, wie sie das denn geschafft habe, gerade von Leuten, die sich so eine Abnahme auch wünschen.

“Gesunde Ernährung, viel Sport, das Ende einer frustierenden Beziehung und eine aufregende, lebendige neue Beziehung”

wäre eine stark zusammengefasste Version ihrer Erklärung – denn so kurz fasst sie sich nie – wozu auch?

Der Wiedereinstieg in die Berufstätigkeit, berufliche Erfolge, die Rückbesinnung auf ihre Qualifikation als Sozialpädagogin, eine professionelle Haltung, die zunehmende Nutzung ihrer sozialen Kompetenz – so einiges hatte da brach gelegen, und zu recht ist sie stolz auf das, was sie leistet.

Mit dementsprechend strahlenden Augen saß sie kürzlich nachmittags in der Eisdiele, um einen heißgeliebten großen Cappucino zu sich zu nehmen – da fragte die Kellnerin sie doch nicht nur nach ihren Wünschen, sondern auch, wie lange es denn noch dauert!

Tja, der wenig vorteilhafte Pulli hatte den Restbauch nicht kaschiert, sondern zur Geltung gebracht, und Frauen habe einen Blick für Bäuche – und eventuellen Zuwachs.

Die Kellnerin ließ übrigens, nach Aufklärung des Missverständnisses, als Wiedergutmachung den Cappuchino auf das Haus gehen, und einen doppelten Cognac auch.

Auch diese Geschichte hat eine Moral: Sie erklärt, warum sich Frauen dreimal mehr für ihre Figur interessieren als Männer. Unter Männern ist es absolut tabu, zu fragen, ob, und wie weit sie schwanger sind. Sie müssen nie erklären, woher ihr Bauch kommt, und Nachwuchs ist nicht.

Frauen rivalisieren untereinander weit weniger als Männer, die als “Eroberer” in jedem anderen Mann automatisch den Rivalen sehen müssen – sie “wissen” ja von sich selbst, wie Männer denken. Frauen können auf Frauen zugehen, weil durch die Solidarität der Frauen das Überleben des Nachwuchses gefördert wird. Männer müssen schmeicheln können, aber nicht begehrenswert aussehen, sondern sein ;-).
Männer untereinander haben diesen weiblichen Kompatibilitätsvorteil nicht, ihnen wird gleich unterstellt, sie interessierten sich für Männer, wenn sie sich für Männer interessieren. Also brauchen sie Arbeitsgemeinschaften, gemeinsame Aufgaben oder dies und das, um zu interagieren, oder einen gewissen Bewusstseinsstand. Aber dass ein Mann einen Mann auf seinen Bauchumfang anspricht, ist häufig oder vorläufig tabu.

Fressnet-Bus, copyright Nicolas

Die Kollegin mit den strahlenden Augen macht vielleicht nächstes Jahr eine Filiale auf. Ihr Dienstfahrzeug hat Nicolas schon mal entworfen.

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Frische Kommentare

  • Ernst: Dieser Brotaufstrich klingt auf den ersten Blick sehr lecker. Doch Leider fehlen für mich...
  • ClaudiaBerlin: Guter Rant! Vor allem die Idee, die Zielgruppe des Textes ganz klar zu...
  • Katrin Schröder: Lieber Klaus-Peter Baumgardt, vielen Dank für diesen wunderbaren Blogbeitrag...
  • Tanja Praske: Hi Klaus aka @fressnet, ein fettes Danke für deine satirische Teilnahme an...
  • Antje: Ich habe nur ein paar Fragen, hab viel gelesen über Mangostantropfen und sehe nichts...

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