Stress bei Hungertortur und die Folgen bei Mäusen und Menschen

Studien führen zu Ergebnissen – doch dann kommt es auf die Interpretation der Ergebnisse an.

Gibt man Mäusen drei Wochen lang nur so wenig Futter, dass sie in dieser Zeit ein Zehntel ihres Körpergewichts verlieren, ist das eigentlich eine mitleidlose Grausamkeit dem Tier gegenüber.

Der Sadismus der “Wissenschaftler” (Tracy Bale von der University of Pennsylvania et.al. im "Journal of Neuroscience"), die diese Studie durchgeführt haben, ist also schnell entlarvt; was die Gründe für das Experiment waren, wird die vorgestellte Interpretation verraten.

Stresshormone

Über den Faktor, um den die Kalorien reduziert wurden, gibt der Artikel keine Auskunft, aber: “Die Stresshormonspiegel [im Blut der Mäuse] waren deutlich erhöht, und sie zeigten ein Verhalten, das auf eine depressive Stimmung hindeutete – angesichts der “Hungerkur” im Laborkäfig kein Wunder.
In freier Wildbahn würde der Hunger als Stressfaktor vielleicht zu erhöhten Leistungen bei der Futtersuche genutzt, unter Laborbedingungen ist die Maus ohnmächtig den Laborbedingungen ausgeliefert und muss sich apathisch (“depressiv gestimmt”) verhalten, da ihr alle natürlichen Verhaltensoptionen wie vermehrte Aktivität zur Futterbeschaffung unmöglich sind.

Offenbar wurde die Kalorienbeschränkung an diesem Punkt wieder eingestellt, und die Mäuse zeigten folgendes Verhalten:

Gerieten sie unter Stress, genehmigten sich die zuvor auf Diät gesetzten Mäuse deutlich mehr fettreiches Futter als ihre Artgenossen, die keine Diät gemacht hatten.

 

Lerneffekte, die der Hunger-Stress auslöst

“Eigentlich kein Wunder”, könnte man meinen, und die Frage, welchem Stress die Tiere ausgesetzt worden sind, bleibt offen.

Natürlich ist die Hungerphase (drei Wochen im Leben einer Maus entsprechen wohl Jahren im Leben eines Menschen) Stress pur gewesen. Auch Mäuse haben ein Gedächtnis, und die Hungererfahrung hat sich notwendigerweise – sinnlos und unauslöschlich – “eingebrannt”.

Wenn Hunger kein Stress wäre, sondern etwas Beruhigendes hätte, wären wir alle schon längst ausgestorben: Menschen jedenfalls äußern sich in der Hinsicht (so lange sie noch ein Säugling sind) ganz entschieden, laut und manchmal auch durchdringend.

Mäuse – das ist natürlich eine Spekulation – haben wohl kaum die Möglichkeit, unangenehme Gedanken zu verdrängen und sind ihrer “Lernerfahrung” im Sinne eines Reiz-Reaktionsschemas direkt ausgesetzt.

“Hunger ist unangenehm und Fressen vertreibt das unangenehme Gefühl” – viel mehr wird sich den Mäusen währenddessen, was im Spiegel-Artikel auch noch als “Diät” bezeichnet wird, nicht eingeprägt haben.
Das Resultat der “Hungerkur” (wobei ganz klar ist, dass eine Kur etwas anderes ist) war jedenfalls eine Verhaltensänderung, nämlich das Verhalten (“Störung”), dass die Mäuse sich bei Stress mit Fressen beruhigten.
Die an sich richtige Formel “Hunger = Stress und Essen hilft gegen Hunger” hatte drei Wochen lang Gelegenheit, sich den Mäusen immer stärker einzuprägen, und dabei in der Verhaltens-Steuerung der Labortiere gegenüber anderen Verhaltensregeln Priorität zu gewinnen. Dass Maus und Mensch aus dieser Formel – etwas verkürzt, aber von der Erfahrung bestätigt, auch ableiten kann: “Essen hilft gegen Stress” wissen wir ja bereits.

Stress und Epigenetik

Das veränderte Fressverhalten kann man nicht nur lerntheoretisch erklären, sondern auch über den Umweg der Genetik:

Zurückzuführen waren die Veränderungen offenbar auf Veränderungen von verschiedenen Genen, die an der Regulation von Stress und der Steuerung der Nahrungsaufnahme beteiligt sind, konnten die Wissenschaftler zeigen. Es handelte sich dabei um sogenannte epigenetische Veränderungen, bei denen chemische Schalter an die Erbsubstanz angelagert werden, die die Gene ein- oder ausschalten.

Auch diese Erklärung ist spekulativ, das “offenbar” deutet auf eine Interpretation, nicht auf einen “Vorher-Nachher-Gen-Vergleich” hin.
Etwas vermuten und etwas entdecken ist nicht das Gleiche, der Unterschied wird aber schon einmal verwischt:

The authors also discovered that several genes important in regulating stress and eating had changed. Previous research shows that experiences can alter the form and structure of DNA, an effect known as epigenetics. (Quelle)

Der Wissenszuwachs durch die Epigenetik ist noch relativ neu, und was wir über das Zusammenspiel von Umwelt und Genen bisher wissen, reicht m.W. noch nicht aus, die “Schalter” für die Gene, deren Bauplan unverändert bleibt,  sichtbar zu machen; epigenetisch zu begründende äußerliche Veränderungen  und Veränderungen bei Körperfunktionen sind bisher belegt, nicht aber Verhaltensänderungen.  

Schon der Gedanke an Diäten  macht Stress

Inzwischen finden wir die Darstellung, dass der Jo-Jo-Effekt (epi-) genetisch verursacht ist. Unsere “Experten” vertreten die Ansicht, es könnte es hilfreich sein, das abnehmen zu unterstützen, indem die Reaktionen des Körpers mit Medikamenten gedämpft werden. Wird dabei auf noch zu entwickelnde Medikamente verwiesen, bleibt das erfolgreiche Abnehmen bis auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben.

Wenn wir irgend etwas aus der Studie lernen können, bezieht sich das auf die Rolle der Entbehrungs-Erfahrungen:
Die gibt es zweifellos bei Menschen mit Übergewicht, und die Mangelsituationen werden beim Menschen wieder aktiviert im Moment von aktuellen Hungererfahrungen, wie sie bei nicht sachgemäßen Diäten entstehen.

Auch die Einschränkung des Ess-Genusses bei Formula-Diäten ist für Manche schon ein “extremer Mangel” – es kommt hier ja lediglich und ausschließlich auf die subjektive Empfindung an, die die Wirkung ausmacht.

Diät darf also keinen Stress machen, und das Stressmanagement könnte tatsächlich den Schlüssel zum Erfolg darstellen.

 

Fotos cc marsavic

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Ein Kommentar zu “Stress bei Hungertortur und die Folgen bei Mäusen und Menschen”

  1. … so war auch die Überschrift im Ärzteblatt.

    Einj Kommentar dort deutet noch einmal auf die mangelnde Seriösität hin:

    Der Titel beinhaltet eine klare Tatsachenbehauptung: “JoJo-Effekt bei Diäten entschlüsselt” . Und der einleitende Satz des Beitrags bekräftigt, dass man dem gefürchteten JoJo-Effekt auf die Spur gekommen sei (was ja bei der Wortwahl “Spur” schon mal etwas zurückhaltender klingt).
    Im gesamten nachfolgenden Text zeigt sich, dass es sich lediglich um eine Ansammlung von Annahmen, Vermutungen und Schlussfolgerungen handelt und keinesfalls um eine wissenschaftlich bewiesene Aussage, wie der Titel suggerieren soll.
    Es gab in den letzten Monaten immer wieder Beiträge mit solchen qualitativen Mängeln und manche schienen mir diese direkt aus der PR-Abteilung der Pharma-Branche zu stammen….

    http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=43741

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