Die großen Chancen des Bundespräsidenten Wulff

Wenn man schon in Bildern denkt, und einem bei diesem Foto von Wulff, Merkel und Koch (von rechts nach links) die Frage einfällt: “Wer von den Dreien sagt hier: “Ich sei, verzeiht mir die Bitte, in Eurem Bunde der Dritte”?” – dann sollte man seinen “Neuer Bundespräsident wird gewürdigt-Artikel” eigentlich noch einmal neu anfangen.

In der Gegenwart bereit sein, sich den Aufgaben unserer Zeit zu stellen

– das ist eine Forderung aus 1994, hier nachzulesen.

Ein Pflichtenheft als Bundespräsident ist ganz schnell gefüllt, wenn man nur das Unerledigte von den Vorgängern aufnimmt. Das sorgt für Kontinuität.

Kommt dann noch das Brücken-Bauen dazu, schafft ein Mann alleine das nicht mehr,

und die Politiker, die sich unter Ihresgleichen sichtlich am wohlsten fühlen, kommen mit den Aufgaben auch nicht so recht zurecht.

72 Prozent der Deutschen halten Wulff für einen guten Präsidenten, nur 35 Prozent trauern Gauck nach. Die, die Wulff ins Amt hoben, kommen dagegen immer schlechter weg: Zwei Drittel der Deutschen geben der Koalition "nicht mehr lange". (Zeit.online)

Mit Gauck ein Gespräch “auf gleicher Augenhöhe” zu führen, wäre für mich unvorstellbar (gewesen). Es mag ein Vorurteil sein,  könnte aber auch  mit dem Alter zusammenhängen:
Wenn Wulff noch als “jung” bezeichnet wird, brauche ich als etwa Gleichaltriger mich noch nicht zum alten Eisen zu zählen.

 
Das neue Amt sagt dem jüngsten Bundespräsidenten, den wir je hatten, jedenfalls zu: Als Alpha-Tier sieht er sich nicht, soll heißen, er hatte nicht so viel Führungsanspruch, um die Kanzlerrolle anzustreben. Ein Omega-Tier wird er auch nicht sein…

Gleichzeitig darf er sich von strikter Parteidisziplin und Gruppenzwang lösen, um einen eigenen, persönlichen Standpunkt zu finden.
Ob das nach der gründlichen Jung-Union-Sozialisation noch gelingen kann, lässt sich nicht sagen.

Die Identität von Rolle und Person ist manchmal nur eine geschauspielerte: Wenn Roland Koch einst von “brutalst möglicher Aufklärung” gesprochen hatte, entsprach das nur seiner Rolle, und auch die konnte er aufgeben, um als ‘Berater’ Einfluss auszuüben und nicht ohne Macht und Vorteile zu sein, und um mehr Privatleben zu genießen, wie er so sagte. In seinen politischen Anfängen bekämpfte er noch die damalige sozial-liberale Koalition, weil die schuld war, wenn die Preise für Zucker und Milch (Inflation!!!) mal wieder stiegen. Wahrscheinlich waren damals auch die Lehrer zum größten Teil viel zu links…
Es ist doch erstaunlich, wie früh jemand wissen kann, was richtig und falsch ist, und was gut/sozial  und was böse.

Wulff darf nicht  als Zyniker erscheinen, müsste insofern ggf. die Sünden oder Schatten der Vergangenheit bereuen und eingestehen.

Wulff hatte sich ja in seiner Heimat eher als jemand verstanden, der denen kürzte, die sich kaum wehren können, Menschen mit Behinderungen. An das Thema Blindengeld sei erinnert. Das nahm zynische, traurige Züge an…

Wie er seine Präsidentschaft gestaltet, dafür hat er so viel Gestaltungsraum, wie er sich nimmt. Er ist in dem idealen Alter, um persönliche Prägungen zu hinterfragen und gegebenenfalls abzulegen, für inneres Wachstum und – dem Lebensabschnitt entsprechend – Reifung. Das mit dem “netten Konsenspräsident” muss ja nicht so bleiben.

Dabei kommt es nicht nur auf die Person Wulff an: Bei all den Brücken, die er bauen will, werden sich Tausende, Zehntausende, Millionen angesprochen fühlen und den Kontakt zu ihrem Bürgerpräsidenten suchen. Hier kommt es darauf an, wie das Präsidialamt, die gar nicht so untergeordnete Bürokratie, agiert:
Selbstherrlich, die Dinge verschleppend oder empathisch-förderlich. Ich denke hier an all die Initiativen und ehrenamtlichen Engagements, die Wulff für nötig hält: Die Würdigung und Anerkennung, das Wahrnehmen von gesellschaftsförderlichem Geist über ein weites Spektrum: Das wiederum ist echte “Knochenarbeit”, braucht einen “Apparat”, in dem Persönlichkeiten mit Profil und Herz in der Lage sind, Impulse mit Interesse  aktiv aufzunehmen, zu verstärken und weiterzuleiten.

Gesundheitspolitisch hat Wulff es mit der Eigenverantwortlichkeit der Bürger. Er denkt dabei auch an gesunde Ernährung und Bewegung, und soziale Einbindung (~”Wer im Verein singt, kann zehn Jahre länger leben”) sollte auch sein.

Doch, ja. Solche “Vereine” brauchen nicht nur Brücken, sondern auch ein Dach über dem Kopf.
Bei der gesundheitlichen Eigenverantwortung  “im Verein”, als Selbsthilfegruppe von Übergewichtigen etwa, ist das auch so.

Bisher hatte man bei den Bundespräsidenten immer das Gefühl, Gesundheit sei nur etwas, das der Bevölkerung gewünscht wird und ansonsten kein Thema. Außer bei Carstens, der persönliche Prävention beim Wandern betrieb. Dabei lief er immer in einem Pulk von Anhängern, was dann “Kontakt zur Bevölkerung” hieß, und er wird auch noch daran geglaubt haben.

Ich wünsche dem neuen Bundespräsidenten von hier aus, dass er einen guten Kontakt zur Bevölkerung herstellen kann. Und viel Glück bei der “Amtsführung” (in Anführungszeichen nur, weil das ein schreckliches Behördendeutsch-Wort ist). Und, dass er immer die richtigen Worte findet ;-)

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