TÜV oder Pranger für Ärzte? AOK-Bewertungsportal umstritten

Bewertungsportale, die oft mit Arztsuchdiensten kombiniert werden, gibt es – auf privatwirtschaftlicher Basis- schon seit ein paar Jahren. Zu den bekannteren gehören Topmedic, DocInsider, Imedo und Jameda.

Ärzte-Tüv

Jetzt will auch die AOK auf diesen Zug aufspringen, und plötzlich gibt es heftige Diskussionen:

Patienten haben es schwer, einen guten Arzt zu finden. Kompetent, freundlich, vertrauenswürdig – bisher gibt es kaum Bewertungen und Vergleiche. Das soll sich bald ändern, denn die Krankenkasse AOK plant einen „Ärzte-TÜV“ im Internet. (Bild)

Wobei ja bereits die bestehenden Beispiele zeigen: Von einem “TÜV” kann keine Rede sein. Trotzdem:

Die Idee, Patienten ihre Ärzte künftig im Internet bewerten zu lassen, finden Kassen und Politiker gleichermaßen charmant. Mediziner hingegen bezweifeln, ob die Votings zielführend sind. … Das Bewertungsportal „AOK-Arzt-Navigator“ solle im kommenden Jahr starten und ziele auf Verbesserungen der Behandlungsqualität ab, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“. (Focus)

Positive Bewertungen können den Medizinern auch helfen, sich im Markt zu behaupten:

Die Ärzte-Bewertung ist ein ideales Steuerungsinstrument für Ärzte-PR.
Fakt ist: Die Amerikanisierung des deutschen Gesundheitswesens schreitet weiter voran.  …

Ärztebewertungen sind viel zu “kurzsichtig”. Die einzige Einschätzung, die ein Patient wirklich geben kann, betifft die gefühlte Betreuungsleistung: „Hatte der Arzt Verständnis für mich?“ „Wie war sein Umgang mit mir – höflich, ruppig etc?“
Ob aber die kassenärztlich erbrachten Leistungen tatsächlich dem entsprechen, was zur Heilung notwendig ist, wird im Zweifel noch nicht einmal der Arzt selbst korrekt einschätzen können. (Scoop.de)

Während bestehende Portale vor Manipulationen nicht sonderlich gut geschützt sind – so führt Jamedo für Berlin-Kreuzberg nur “sehr gute” Ärzte auf, will

die AOK … ihre Bewertungskriterien mit Medizinern und Wissenschaftlern entwickeln. Da dann mehr als 24 Millionen Mitglieder über Ärzte berichten und befinden können, erwarte man – anders als bei privaten Anbietern -, dass sich ein aussagekräftiges Bild ergebe, so AOK-Vize Graalmann. Vielleicht gäbe es dann ja nicht mehr nur Superdocs in Berlin-Kreuzberg. (TAZ)

Kommentar:

Die Internet-Bewertung wird natürlich nur von Internet-fähigen Patienten durchgeführt. Wer keinen Zugang besitzt, bleibt außen vor, und wer nicht mit der Computermaus umgehen kann, kann nicht “abstimmen”. Eine “Wahlkabine” mit Internetzugang in der Gesundheitskassen-Geschäftsstelle wird es auf absehbare Zeit nicht geben.
Ansonsten könnte das Portal den Ärzten auch ein wichtiges feed-back geben; wo es um kleine oder große Behandlungsfehler geht, werden die Angaben allerdings schnell dem Bewerter zuzuordnen sein, und unterbleiben.
Bei der Entwicklung des tools ist die Mitarbeit von Patienten offenbar nicht vorgesehen – die haben keine Lobby, und hätten sie eine, wäre immer noch die Frage, ob sie der “Volksgesundheit” zuträglich ist.

Ein Faktor bei dem Bewertungs-Portal ist ein schlichtes Machtinteresse: Im Internet nicht nur präsent zu sein, sondern omnipräsent.
Die überflüssigen und  viel zu unkritischen Diäten-Vergleiche, die als Information daherkommen, (Weight-watchers: “Erfolg hängt vom Durchhaltevermögen ab. Als Dauerernährung geeignet.”) sprechen hier eine deutliche Sprache.

Sinnvolle Angebote, die von den Kassen entwickelt worden sind, etwa die “Sportpartnerbörse” werden viel zu wenig beworben, um einen wirklichen Durchbruch zu erreichen.

Eine Prüfplakette für Ärzte, ein  “Ärzte-Tüv” ist die eine Sache – die andere Frage ist: Wie engagiert ist der Arzt? Inwiefern ist er kreativ, wenn es um Vorsorge geht? Unterstützt er Selbsthilfegruppen und entwickelt er Initiativen in dieser Hinsicht?

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