Erwachsenenbildung: 75 Seiten, die das Ernährungs-Verständnis fördern sollen

Heute kann wohl die überwiegende Mehrheit mit dem Begriff  ist “Food Literacy” nichts anfangen. Mit “Erzählkompetenz, Textverständnis, Abstraktionsvermögen” (Quelle) wird “Literacy” auch schon mal beschrieben, wenn auch das Wörterbuch lediglich “Lese- und Schreibfähigkeit” übersetzt. Der Versuch, den Begriff “Food Literacy” hierzulande einzuführen, war wohl ein Flop, aber die Homepage gibt es noch, dort auch die wohlklingende Überschrift: “Schmackhafte Angebote für die Erwachsenenbildung und Beratung”.

Die Linkliste: Eine Fleißarbeit, leider nicht mehr aktuell. Zu gerne hätte ich die Seite “ARGE Gänseblümchen auf Vogerlsalat – Landesschulrat für Steiermark” besucht, die nicht mehr existiert. Es gibt noch die Seite SOD – “Schlank ohne Diät”, ein ganz simples Programm, das ohne bestimmte Speise- oder Diätpläne auskommt; “Der Teilnehmer analysiert sein Essverhalten und stellt seine Gewohnheiten so um, dass er den gewünschten Gewichtsverlust erreicht.” Was die Gewohnheiten betrifft: Das ist hier gut gelöst ;-) – so dass eine Portionsdiät diesem hehren Anspruch wohl immer nur hinterher-schleichen kann.
Auch das Institut für Optimum Ernährung, das ein kleines Heimstudium Ernährungswissenschaft (in der Rubrik “Education” – also Erziehung) anbietet, gibt es noch, und ein interessantes Blog im weiteren Umfeld.

Das eigentliche “Hauptwerk” im Zusammenhang finden wir hier:

http://gutessen.at/uploads/FL_guidelines_de.pdf

“Schmackhafte Angebote für die Erwachsenenbildung und Beratung”.

Diese Publikation wurde im Rahmen des SOCRATES-GRUNDTVIG-Projekts
“Food Literacy – A New Horizontal Theme in Adult Education and Counselling
(project number: 116559-CP-1-2004-1-GRUNDTVIG-G1) entwickelt.
Projektpartnerschaft:
aid infodienst Verbraucherschutz, Ernährung, Landwirtschaft e. V., Bonn
BEST Institut für berufsbezogene Weiterbildung und Personaltraining GmbH, Wien
Consortium Langhe, Monferrato e Roero, Italien
Folkuniversitetet Kristianstad
Initiative Geschmacksbildung in Kooperation mit Slow Food Wien
IRFA Sud, Montpellier
Latvian Adult Education Association, Riga
Papilot Institute for Enhancing and Developing of Life Quality, Ljubljana
Szamalk Co., Budapest
Universität Kassel, Fachgebiet Ökologische Lebensmittelqualität und Ernährungskultur
University Glasgow, Department for Adult Continuing Education
Verlag Gesundheit, Wien

Für nicht kommerzielle Zwecke ist eine Downloadversion dieser Publikation bis 30 September 2009 erhältlich: http://www.food-literacy.org

Autorinnen:
Sonja Schnögl, Rosemarie Zehetgruber (Initiative Geschmacksbildung, Österreich)
Silvia Danninger, Monika Setzwein (BEST Training, Österreich)
Regina Wenk, Madlen Freudenberg (Universität Kassel, Deutschland)
Claudia Müller, Maike Groeneveld (aid infodienst, Deutschland)

Ein Highlight dieses nur von Frauen geschriebenen Werks ist die Geschlechterfrage:

Viele Männer halten Ernährung für ein „Frauenthema“, das zudem problembeladen ist. Ihre Ernährungskompetenz ist im Durchschnitt geringer, sie sind seltener selbst für die Zubereitung von Mahlzeiten verantwortlich und zeigen sich gegenüber Empfehlungen zu gesunder Ernährung beratungsresistenter als Frauen. Dennoch gibt es Anknüpfungspunkte, mit denen Männern das Thema Ernährung schmackhaft gemacht werden kann:

  • körperliche und geistige Leistungsfähigkeit durch passendes Essen
  • Autonomiegewinn durch Kompetenz
  • Statusgewinn als „Kenner“ und „Genießer“
  • soziale Anerkennung durch kulinarische Leistungen (z. B. Kräftemessen beim Schaukochen)

Nun ist die Ernährungskompetenz der Frauen auch nicht mehr das, was sie mal war, und hundert schaukochende Männer machen noch keinen Frühling, genauso wenig wie ein Damen-Contest im Schlagbohren. Soziale Anerkennung fürs Schaukochen – heißt: Das alltägliche Mahlzeiten-Zubereiten wird nicht anerkannt, damit haben die Männer es schwerer, weil sie fürs kochen nicht einmal von ihren Geschlechtsgenossen anerkannt werden. Aber das Papier schlägt noch ein “Gender Warming up” vor:

Ist das folgende Lebensmittel für Männer besser geeignet als für Frauen?
Schnitzel? Schokolade? Nudeln mit Tomatensoße?
Sushi? Müsli? Steak?
Rotwein? Weißwein? Fischstäbchen?
Brokkoliauflauf?

Das wirkt ein bisschen wie Gleichberechtigung für Doofe. Sicherheitshalber hatten die Autorinnen doch noch eine “Auflösung” mitgeliefert:

Auflösung: Alle Lebensmittel sind für beide Geschlechter gleichermaßen geeignet. Zuschreibungen sind kulturell und sozial geprägt.

Von dem Ansatz Food Literacy ist nicht viel geblieben. Ob Ernährungsverhalten prinzipiell Thema der Erwachsenenbildung sein darf, kann und soll, wäre noch zu diskutieren. In Kliniken wird “therapeutisches Kochen” angeboten, das kann aber nicht das sein, was allgemein gebraucht wird. Schaukochen bedeutet: Einer kocht, hunderte schauen zu – und lernen wenig oder nichts für ihren Alltag.

Eine umfassendes Ernährungswissen alleine ist für Zwecke des Abnehmens auch gar nicht ausreichend. da es um die Umsetzung in verändertes Verhalten geht, den Zusammenhang von Theorie und Praxis. Erwachsenenbildung auf Kindergartenniveau bedeutet Infantilisierung. Das Thema

“Schmackhafte Angebote für die Erwachsenenbildung und Beratung”

sollten wir aber jetzt erst recht wieder auf die Tagesordnung nehmen. Dabei gilt es aber, den unterschiedlichen Bedürfnissen der “Kunden” zu entsprechen und an dem Niveau anzusetzen, das sie schon längst erreicht haben. Was im einzelnen noch fehlt: Darauf kommt es an. Im Einzelfall fehlt das Wissen um die Wirkung hochkalorischer Lebensmittel, im Einzelfall fehlt nur die Umsetzung, dieses Wissen umzusetzen, und die “Sachen” mit hoher Energiedichte zu vermeiden.

Manchmal sitzen die Übergewichtigen nur in der Falle aus Frust und Fressen, Angst und Beschwichtigung, Trauma und Bewältigung. Oder sei bewegen sich nur auf den Pfaden eingeschliffener Gewohnheiten.
Nehmen wir den Zusammenhang von Ernährung und Identität – oder Pseudoidentität/Fassade als gegeben, folgt im Bereich der Erwachsenenbildung daraus, dass Angebote für erwachsene Menschen mit eigener Lebenserfahrung mit einer gewissen Sensibilität für deren Geschichte verbunden sein müssen und kein fest umrissenes Curriculum, das den “Kunden” übergestülpt wird, beinhalten sollten.

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