Das Drama der Erziehung

Im tagesspiegel stellt Caroline Fetscher das Buch von Martin Miller über seine Mutter, Alice Miller vor. Die Autorin, die Kindheit als eine Funktion, die Kinder für ihre Eltern übernehmen, erklärte, war selbst keine wirklich gute Mutter, gab ihren Sohn aus dem Haus, drängte ihn als Erwachsenen zu einer Therapie bei einem falschen Guru, der mit ihr die heimlich mitgeschnittenen Tonbandprotokolle “besprach”, und so weiter und so fort.

 

In einem Brief vom 28. Mai 1998 entschuldigte sie sich bei ihrem Sohn, „eine besitzergreifende, hasserfüllte, gefährliche, destruktive Mutter“ habe sie nicht sein wollen. Sie sei nun aber alt genug, diese Wahrheit auszuhalten. „Ich habe mich in so viele Menschen einfühlen können, nur in meinen Sohn konnte ich es nicht.“ Warum, das könne sie nicht erklären. Vielleicht, weil sie sich auch in sich selber als Kind nie wirklich eingefühlt hatte? Weil Projektionen auf den geschiedenen Mann oder den Sohn ihr falsche Genugtuung verschafften? Weil der Ruhm ihre narzisstische Kompensation war?

So aalglatt, unwissenschaftlich und letztlich nichtssagend waren auch ihre Bücher.

Alice Miller hatte eine Mission. Es ging ihr darum, die Öffentlichkeit für das Recht der Kinder auf Empathie und gewaltfreie Erziehung zu sensibilisieren, für die seelischen und gesellschaftlichen Schäden durch „Schwarze Pädagogik“ und falsche Tabus in Familien. In einer frühen Sozialisation mit Empathie und ohne Gewalt, so die Kernthese, liegt der Schlüssel für eine friedfertige Gesellschaft; eine These, angelehnt an Vorläufer wie Ellen Key („Das Jahrhundert des Kindes“, 1900) oder Janusz Korcak („Das Recht des Kindes auf Achtung“, 1928).

Das wird es dann gewesen sein: Ihr Werk in sieben Zeilen: Das ist der ganze Ruhm, viel mehr bleibt nicht. Sie hatte Bestseller geschrieben, für ein Publikum, das sich verstanden fühlte und meinte, viel verstanden zu haben. Hier ist die eigentliche Wunde, dieses Massenelend wird auf breiter Front verdrängt.

Überflüssig, aber typisch ist der obligatorische Seitenhieb auf “die Pädagogen”:

Mit dem Schisma zwischen privatem Scheitern und öffentlichem Erfolg ist Alice Miller in der Avantgarde der pädagogischen Reformer jedenfalls nicht allein. Jean-Jacques Rousseau gab drei seiner Kinder im Waisenhaus ab, Maria Montessori schickte ihren unehelichen Sohn zu Pflegeeltern, Bruno Bettelheim, Autor der berühmten Studie „Kinder brauchen Märchen“, prügelte Schützlinge in seiner Reformschule und trug den Spitznamen „Benno Brutalheim“. Und die Zustände an der Odenwaldschule zu Zeiten des pädokriminellen Gerold Becker machten erst kürzlich Schlagzeilen.

Miller hat nie als Pädagogin firmiert, sondern immer als Psychoanalytikerin, und bei Bettelheim würde ich noch mildernde Umstände gelten lassen. Der Vergleich mit Gerold Becker ist in jedem Fall unangemessen.

Martin Miller: Das wahre „Drama des begabten Kindes“. Die Tragödie Alice Millers – wie verdrängte Kriegstraumata in der Familie wirken. Kreuz-Verlag, Freiburg, 2013. 176 Seiten, 17,99 €.

 

vgl.:

http://www.taz.de/!77630/    (Kindesmissbrauch an der Odenwaldschule)

http://de.wikipedia.org/wiki/Gerold_Becker

http://de.wikipedia.org/wiki/Am_Anfang_war_Erziehung

http://www.lukesch.ch/Text95_18.htm Das Drama der begabten Dame: Alice Miller steht wegen eines Scharlatans vor einem Scherbenhaufen

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