Die ganze Wahrheit über kindliche Fettsucht

Geschockt? So ein dickes, faules, gefräßiges Kind aber auch…

Illustrationen sind ideale “container” für Vorurteile. Ein Schreckensbild ist schnell gezeichnet, vermittelt natürlich nichts außer Schrecken – nichts, was wir nicht schon ohnehin “wüssten”, keine neue Erkenntnis, bloß das, was wir denken sollen.

Schrecklich – und “Ja, das ist einsichtig, es liegt an den Chips”. Das Buch

Generation Chips

war 2007 erschienen und erscheint aus heutiger Sicht nur noch wie ein Abklatsch alter Vorurteile:

Wir leben in einer Zeit, in der … Kinder und Jugendliche lieber vor dem Fernseher und der Spielkonsole erstarren als draußen herum zu tollen. …

Der Titel erklärt sich über die Doppelbedeutung von “Chip” – der ist im Computer und in der Chips-Tüte, generiert Computerspiele und wird verzehrt, ist also allgegenwärtig ;-)
Bei so einem düsteren Bild liegt es doch nahe, einen Sündenbock zu suchen, und der ist auch schnell gefunden:

… ist unter bestimmten Umständen die aktive Anwendung der Straftatbestände

  • "Unterlassene Hilfestellung",
  • "Vernachlässigung" und
  • "Kindesmisshandlung"

für Eltern angesagt.

Diese eindeutige Stellungnahme nach strafrechtlichen Konsequenzen trotz sehr unterschiedlicher Eltern-Kind-Problemlagen ist ein Tabubruch. Aber können bzw. dürfen diese Kinder ihren Eltern ohne Hilfestellung bzw. Schutz überlassen werden?

“Was unsere Kinder in die Fettsucht treibt” – diese Frage wird in dem Buch zwar hysterisch betont, aber nicht beantwortet. Laut Homepage zum Buch geht es um

übergewichtige, adipöse junge Menschen, die Tag für Tag zwischen Fernseher, Computer und Pizzaservice sowie zwischen Arbeits- und Hoffnungslosigkeit schwanken

- die Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung werden allzu salopp gezeichnet: Wenn Arbeits- und Hoffnungslosigkeit zusammen-“schmelzen”, wird nicht mehr viel geschwankt.

Im Interview konnte Edmund Fröhlich sein Anliegen in komprimierter Form darstellen, aber die Klinik, die er leitet, hat ihr Engagement am aufklärenden Blog eingestellt: Die Profis in der Gesundheits-Hilfe engagieren sich offenbar nicht mehr, als unbedingt nötig.

Sind die Kinder nur noch verwöhnt statt gefordert, und welche Nöte haben die Eltern?
Was machen die Computerspiele eigentlich mit denen, die sie spielen?

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4 Kommentare zu “Die ganze Wahrheit über kindliche Fettsucht”

  1. So ist das Gefüge eben weit komplexer als die einfache im Text genannte Formel. Wissen möchte das niemand so richtig, selbst die Opfer dieser Ernährungs-Märchen aus Omis Mottenkiste möchten lieber diesen Schmodder glauben anstelle wirklich Wissen zu erlangen über ihren Körper, die Physiologie, den soziologischen Kontext der Ernährung, vom Wesen des Appetits sowie vom Hunger und dem Bedarf sowie Segnungen und Marotten einer modernen industriellen Nahrungsmittelproduktion, die dem Profitwirtschaftssystem unterworfen ist und gleichzeitig eine so wichtige Aufgabe hat, alle Menschen zu ernähen.

    Von den Zusammenhängen zwischen Streß und Übergewicht, davon das die industrielle Gesellschaft dem Wesen des Menschen nicht entspricht, sondern sich für ihn viel zu schnell dreht und dabei eben neben den Profitgewinnern und -verlierern auch solche Gewinner und Verlierer einer gesellschaftlichen Lifestyle-Vorgabe finden, die einfach nicht ohne Streßsymptome eben mithalten können.

    Die Zusammehänge sind so dermaßen vielfältig, das es eines eigenen soziologischen Faches Bedarf, um diese alle zusammen zu tragen und eine Menge gesellschaftlicher Zustimmung und politischer Kraft nötig wäre sowie genug Geld um entsprechende Untersuchungen zu finanzieren. Leider sieht es in diesem Bereich mau aus. Geld für diese Form der Grundlagenforschung gibt es kaum. Was es gibt sind Büttenredner der ideologisch verbrämten Ernährungsideologien, die nicht zuletzt auch aus einer historischen Sichtweise in Deutschland ein hohes Gewicht haben. Sind mit den Grünen an die Schaltstellen der Macht nämlich nicht nur Ökologisten in die Politik gekommen sondern auch die Ausläufer einer Lebensreform Bewegung in die wissenschaftlichen Positionen aufgestiegen um den Diskurs um Ernährung und ihre Zusammenhänge zu bestimmen. Die dauerhaft klammen Universitäten, deren Lehre immer mehr davon abhängt, von wem sie Drittmittel einwerben und die Schar ausgebildeter “Fach”leute, die sich doch irgendwie durch Geldmittel dazu bringen lassen in einem privaten Institut mit massenhaft fragwürdigen Studien wirtschaftliche Interessen zu begünstigen.

    Das alles will kaum einer wissen. Vermutlich verzieht selbst der Blogbesitzer das Gesicht ob eines so überladenen überzogenen Kommentars zu einem so eindeutigen Blogartikel? Zugegeben, eine unfaire “Speck”ulation ;-)

    MFG

  2. Nun ja, ich hätte den ersten Absatz in ca. drei Sätze gegliedert, denn Bandwurmsätze haben so etwas altstalinistisches ;-)

    In Omas Mottenkiste liegt noch das Landkochbuch, Opfer von Ernährungs-Märchen kann ich genau genommen keine ausmachen, aber Opfer der Verhältnisse, der Entfremdung.

    Sozialforschung hatte in D einmal eine ganz gute Zeit, aber ihr sind die Mittel abgedreht worden, und auch Philosophie findet kaum noch statt.

    Ökologisten, Lebensreformer und Schafschurwollstrumpfstricker bei den Grünen – ist das nicht längst wieder vorbei?

    Und Nein, ich habe kein Gesicht verzogen. Darin, dass “die industrielle Gesellschaft dem Wesen des Menschen nicht entspricht” und Viele nicht mithalten können, stimme ich Ihnen zu.

    Der Artikel war auch nicht wirklich eindeutig. Was ich hatte sagen wollen:


    So blöd schaut normalerweise kein Kind der Welt aus der Wäsche, wie das von Herrn Fröhlich zur “Illustration” benutzte, er lässt, als professioneller Helfer, die Opfer in ein schlechtes Licht rücken.

    Ich hatte von dem Buch “Generation Chips” schon früher Notiz genommen und es jetzt eigentlich nur aufgegriffen, weil es zum Stickwort “Kartoffelchips” passt; das ist die Logik der Randnotiz beim Bloggen ;-)

  3. Jeder hat so seine Randgedanken zu dieser oder jener Randnotiz :-)

    Schade das man die Mehrheit nicht erreichen wird, die sich mehr oder minder selbst aus Ohnmacht in die Fänge der Täter begibt und auf ihre eigene Entmachtung pochen, in dem sie “Weisungs”befugniss dem Berater zuschiebt.
    Eigentlich muss diese jeder für sich selbst erwerben um selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen und treffen zu können.

  4. Also im Anhang an ihren Hinweis: “professioneller Helfer, die Opfer in ein schlechtes Licht rücken.”

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  • Eugene: Wir benutzen privat eigentlich ausschließlich kaltgepresstes öl. zum kochen normales...
  • Evelin: Hallo Klaus-Peter, wieder eine Beitrag zum Nachdenken und Nachkochen. Ich werde mal den...
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  • Evelin: Hallo Klaus-Peter, …..ich hatte Zeit, Deinen wunderbaren Artikel zu lesen. Er macht...
  • C. Schulze: Auch, wenn diese Kommentare schon recht lange her sind, möchte ich doch etwas dazu...

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