Da haben wir den Salat: Spritze, Pille, Selbstkontrolle? Plädoyer für eine utopische Küche
Geschrieben am 12. Juli 2026 von KPBaumgardt
Die Verkäufer und Propagandisten für Abnehmspritzen-und-Tabletten sind unterwegs, mehr und mehr:
So wurde mit der Zulassung des „Abnehm-Hormonspritzen-Wirkstoffs“ in unkomplizierter Tablettenform Großbritannien nach Amerika der zweite große Markt, auf dem das Medikament „Wegovy“ von Novo Nordisk kursiert.
Wenn nun die Tablette als Alternative zur Spritze mit Semaglutid, das die Wirkung des körpereigenen Hormons GLP-1 (Glucagon-like Peptide-1) nachahmt, im gesellschaftlichen (Unter-) Bewusstsein verankert wird, bremst die pharmakologische Behandlung die Suche nach einer ganzheitlichen Therapie.
Selbst die Ernährungstherapeuten und die ganzen Fastenexperten und Hafertag-Verschreiber haben damit einen schweren Stand, denn die Abnehmspritzen-und-Tablettenverkäufer wecken subtil Wünsche, und die Psychologen, die „Essen als Trost“ aus unbekannten Gründen doch nicht therapieren können (?) auch.
„Volkes Stimme“ ist bei diesem Lied oder Leid nicht so originell:
- Adipositas ist schlichtweg eine Frage der Selbstkontrolle
- Halb so viel essen, aber mit Sport
- Einfach Friss die Hälfte (FDH)“
- Öfters mal einen Entlastungstag
Wer bei der Selbstkontrolle die Schlüsselfunktion annimmt, kann nun die Abwehrmechanismen und Ausreden der „Fetten“ entlarven.
Schieben Sie die Schuld auf jemanden oder etwas anderes? Oder essen Sie weniger und bewegen sich mehr? Es ist so unglaublich einfach. Aber da 3 von 4 Amerikanern übergewichtig sind und jeder zweite Erwachsene adipös ist, sieht man ganz deutlich, dass es den meisten Amerikanern an Selbstkontrolle mangelt.“
Die Schuldzuweisung nach dem „Selbst-Schuld“-Motto mag Betroffenen auf die Nerven gehen; wer zu Adipositas neigt, neigt wohl auch dazu, bei Stress mit Über-Essen zu reagieren, oder sonstwie eingefahrenen Gewohnheiten zu folgen, und in einen gedanklichen Teufelskreis zu geraten.
Übergewichtige, die abnehmen wollen und „vom Glauben abfallen“, wenn das nicht wunschgemäß funktioniert, kommen in „hausgemachten“ Stress, den der Körper mit Hungersignalen kontert, so ist „ALLES“ in der Balance, wenn auch im „erhöhten Gleichgewicht“.
„Übergewicht ist wie eine Seuche, aber auch Bluthochdruck und Diabetes sind Massenkrankheiten“ wäre nun eine Haltung, sich mit dem Problem „Zivilisationskrankheiten“ und deren „etablierter Behandlung“ zu arrangieren.
Doch
das Arrangement mit der dauerhaften Pilleneinnahme hat einen bitteren
Beigeschmack: Es stiehlt uns die Beziehung zum Essen. Wer den Hunger nur
noch pharmazeutisch wegdimmt, lernt nicht, was dem Körper – und der
Psyche – wirklich guttut. Er lernt nicht zu genießen, sondern nur, zu
funktionieren.
Die Wahrheit ist: Gegen die Jahrmillionen alte Evolution
unseres Körpers lässt sich nicht mit purer Willenskraft ankämpfen. Wer
auf Radikaldiäten oder „Friss die Hälfte“ setzt, signalisiert dem Gehirn
eine Hungersnot – und das schießt prompt mit Heißhunger-Hormonen
zurück. Der Schlüssel liegt daher weder in der
perfekten Selbstkontrolle noch in der Apotheke, sondern in einer Küche,
die den Körper nährt, statt ihn zu beschränken.
Und vielleicht
erschließt sich der Wandel durch etwas, das in unserer hyper-effizienten
Welt fast schon utopisch anmutet: Durch die Gemeinschaft.
Wenn wir das Kochen und Essen wieder aus der einsamen Ecke der
„Selbstoptimierung“ herausholen und zu einem sozialen Akt machen.
Zusammen in der Küche stehen, sich austauschen und vielleicht sogar das
gute, alte Einkochen wiederbeleben – das Erschaffen von eigenen,
ehrlichen „Fertiggerichten“ im Glas, die man mit Freunden oder Nachbarn
teilt. Klingt nach einer romantischen Utopie? Mag sein. In Zeiten, in
denen die Zeit knapp ist und der Alltag stresst, ist das gemeinsame
Schnippeln ein rares Gut. Aber genau dieses „analoge“ Miteinander ist
die beste Medizin gegen den emotionalen Stress, den wir sonst so oft mit
Frustessen zu betäuben versuchen.
Das Glas selbstgemachte Suppe, das man vom Nachbarn geschenkt bekommt, wärmt eben nicht nur den Magen, sondern auch die Seele – ganz ohne Nebenwirkungen. Das Essen darf kein Kampfplatz sein und kein Trostpflaster, sondern sollte eine Feier des Lebens sein. Fangen wir genau da an, in der eigenen Küche, vielleicht beim nächsten Mal zu zweit oder zu dritt.
Dabei zeigt uns der Blick auf andere Lebensbereiche längst, wie Heilung ohne Chemie funktionieren kann. Wer unter Schlafstörungen leidet, greift heute immer seltener zur harten Schlaftablette – wir nutzen stattdessen die sanfte Stimme eines Hörbuchs zum Einschlafen, um das überreizte Nervensystem herunterzufahren.
Unbekannte Märchen wie die Geschichte mit dem Mirabellenmädchen und
ungezählte andere Geschichten kann man mehrfach anhören, hierin finden
wir den Beweis dafür, dass der Geist manchmal einfach nur sanfte
Führung und chemiefreie Beruhigung braucht.
Warum also versuchen
wir, das hochkomplexe Thema „Essen“ mit der pharmakologischen Keule oder
eiserner, kalter Disziplin zu erschlagen?
Wenn die Seele aus Stress oder Einsamkeit nach Trost sucht, hilft kein Semaglutid, das den Magen blockiert. Was hilft, ist „echtes Essen“, zubereitet mit Achtsamkeit. Was hilft, ist die Zuwendung und das echte Verständnis, die nur gelingen, wenn ein ehrlicher Austausch stattfindet.
Und: Ein bunter, knackiger Salat ist keine Strafe für das Gewicht von gestern, sondern die beste Fürsorge für die Energie von morgen. Ganz ohne Rezeptpflicht, aber mit viel Geschmack:
In
diesem „Multisalat“ ist Artischocke aus dem Lebensmittelregal
versteckt, da kann das Öl, mit dem die Artischocke eingekocht ist,
gleich noch die Sauce verbessern. Weitere Zutaten:
Frühlinszwiebel,
frische Kräuter, Pellkartoffel, Gemüsezwiebel, Knoblauch, Ingwer,
Salatherz. Tomate auf dem eigenen Balkon, selbst gepflückt.
Aus dem selbst eingekochten Vorrat: Tomate (mit Knoblauch) im Glas, Basis für alles mögliche, hier Sauce zu Pasta, mit folgenden Zutaten:
Von der Idee, hier Reisnudeln zu verwenden, hatte ich mich dann doch distanziert:
Die würfelig geschnittene Rote Beete war fermentiert, die extreme Farbe auf dem Blumenkohl stammt von einer kleinen Menge Sriracha-Sauce. Der Käse war nicht wirklich nötig.
Yoghurtkuchen im Glas
40
Minuten im Dampftopf bzw. Multicooker bei 104 Grad Celsius – schonendes
Garen im Sturzglas, das der Kuchen, von der Schwerkraft unterstützt,
verlässt, wenn jemand den Deckel öffnet. Haltbarkeit: Ein paar Wochen
oder deutlich weniger.
Ansonsten: Dieser „Cheesecake“ ist hier mal ohne, mal mit frischen Kirschen; eine softe Rarität.
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