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Literatur, psychoanalytisch bzw. interdisziplinär betrachtet
   

Autor - Werk - Leser

Literatur verstehen zu können, ist nichts selbstverständliches.
Wie ein psychoanalytisches Verständnis entstehen kann,
deutet sich im folgenden Buchauszug an:

(...)

3.3 Die Beziehung zwischen Autor und Werk


Ich interessiere mich besonders für das, was der Autor mit seinem
Werk macht, für die Beziehung Autor und Werk. Dies beginnt
damit, daß sich ein Schriftsteller entscheidet, z. B. nicht mehr po-
litisch aktiv zu sein, sondern zu Hause zu bleiben, sich an den
Tisch zu setzen, ein Blatt Papier zu nehmen und sich dem schrift-
stellerischen Prozess zu überlassen. Damit wendet er sich von rea-
len Bezugspersonen seiner Umwelt ab und phantasierten Bezugs-
personen seiner Innenwelt zu. Es handelt sich also um einen ele-
mentaren Perspektivenwechsel von außen nach innen, in der die
Außenwelt zur Innenwelt der Außenwelt (Handke I969) werden
kann. Wie im Tagtraum oder wie im kindlichen Spiel überläßt sich
der Schriftsteller dem Zwischenreich zwischen Wirklichkeit und
Phantasie. Als Schöpfer seines Werks ist er wie Gott. Er kann
Menschen schaffen und wieder verschwinden lassen oder wie
Schachfiguren hin- und herbewegen. Dabei kann er, wie im
Traum, ebenso mehrere Personen zu einer verdichten wie die Ei-
genschaften einer Person auf mehrere Personen verteilen, Merk-
male der einen Person auf andere verschieben, von der einen etwas
wegnehmen und der anderen etwas hinzufügen, so daß im End-
ergebnis aus den verschiedensten Materialien neue Kombinatio-
nen entstehen, oder daß aus den verschiedensten Fäden neue Mu-
ster gewirkt werden.
Das Werk ist dabei für den schreibenden Autor wie ein Objekt der
Wirklichkeit, das er unabhängig so gestalten kann, wie er will;
ganz im Gegensatz zu den Objekten (den wirklichen Menschen!)
des täglichen Lebens, die sich dies nicht gefallen lassen würden,
die ihrerseits reagieren, sich entziehen und nicht erwartungsge-
mäß handeln wurden, gefolgt von der Einsicht, daß wir ja gar
nicht so unabhängig sind, wie wir denken, vielmehr abhängig von
dem, was andere mit uns oder nicht mit uns tun. Diese Abhän-
gigkeit umgeht der schreibende Autor. Er weicht ihr aus, er macht
sich unabhängig, was allein schon einen enormen narzißtischen
Gewinn bedeutet.

4. Die Beziehung zwischen Leser und Werk

Ein Leser kann genauso wie der Autor über das Mittel des Werkes
indirekt durch die Lektüre eine Beziehung mit dem Autor einge-
hen; bezeichnenderweise aber ebenso wie in der Beziehung zwi-
schen Autor und Werk, nicht direkt, sondern indirekt. Die direkte
Beziehung ist also auch hier vermieden. Auch der .Leser umgeht
dann, wenn er sich zu Hause hinsetzt und ein Buch liest, den
direkten Kontakt mit seinen Mitmenschen und zieht den Umgang
mit Phantasiegestalten den realen Begegnungen vor. Dabei sind
ebenso im rezeptiven Prozeß des Lesens triebhafte Momente am
Werk wie im künstlerischen Prozeß. Man kann ein Buch wie eine
Nahrung oral verschlingen oder wütend gegen die Wand wer-
fen. In jedem Fall geht ein Aufforderungscharakter vom Buch aus,
schon vom Schutzumschlag, vom Klappentext, von den ersten
Sätzen oder vom Schluß. Insofern macht das Buch ebenso etwas
mit dem Leser, wie der Leser etwas mit dem Buch macht. So kann
sich ein Leser, fasziniert vom Titel, intensiv mit einem Buch be-
fassen oder sich abgestoßen und angewidert abwenden. In jedem
Fall entsteht eine Beziehung zwischen Buch und Leser; eine Be-
ziehung, in der der Leser sich wohl fühlt oder unbehaglich.
Die Reaktionen des Lesers auf das Buch können dabei genauso
verstanden werden wie die Reaktionen eines Analytikers auf die
Rede des Analysanden. Im Ubertragungs-Gegenübertragungs-
Konzept der Psychoanalyse reagieren wir nicht nur auf den Text,
den wir faktisch lesen, sondern auch auf das, was zwischen den
Zeilen steht, was durch bestimmte Inhalte oder Formen eines Bu-
ches angeregt wird. Dabei gibt es literarische Produkte, die dem
Leser viel Raum für eigene Phantasien lassen und andere, in denen
der Autor dem Leser die Phantasien vorwegnimmt, und zwar da-
durch, daß er sie selbst ausgestaltet, so daß dem Lesenden kaum
noch etwas für die eigene Phantasietätigkeit übrig bleibt.
Regisseure bringen ihre eigene Phantasie mit ein, wenn sie klassi-
sche Theaterstücke neu inszenieren; Filmemacher die ihren, wenn
sie literarische Werke verfilmen; ganz so, wie sie es sich denken.
Ich ziehe dagegen künstlerische Produkte vor, die dem Leser
Raum und Zeit lassen für eigene Phantasien.
Es ist das Wissen um elementare zwischenmenschliche Grundmu-
ster, das es dem Analytiker ermöglicht, vielleicht eher als dem
durchschnittlichen traditionellen Literaturwissenschaftler, mit
Hilfe des Übertragungs-Gegeniibertragungs-Konzeptes der Psy-
choanalyse manche Texte werk-immanent oder endo-poetisch
(Eissler I97I) besser zu verstehen, als es einem Literaturwissen-
schaftler ohne derartige Erfahrungen möglich ist. Ein Beispiel da-
für bietet die psychoanalytische Interpretation von E. T. A. Hoff-
manns "Sandmann". (...)

Psychoanalyse onterdisziplinär, hrsg. von Peter Kutter, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997

Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997

 

 


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