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Kurse zu Kunst der Liebe - Leseprobe II

[ Teil 1 ]


Zu OVIDs Liebeskunst gibt es manches zu sagen, je mehr Du Dich damit beschäftigst, kommst Du zu Deiner eigenen Interpretation. Auch hier gilt: Lass Dir Zeit!

Ovids Liebeskunst (Ars amatoria) besteht, oberflächlich gesehen, aus drei Büchern: Zwei für Männer, ein drittes für die Frauen.

Wir müssen bei der Lektüre berücksichtigen, dass OVID unter den Bedingungen staatlicher Zensur schrieb. Sittengesetze sollten die Familie zusammenhalten, Ehe-"Bruch" stand unter Strafe.

OVID war kein Staats-Anwalt, sondern Dichter und Poet, Chronist und Systematiker, Beobachter, Darsteller, Wissenschaftler, Seelenkundiger und Mythologe. Dass er sich ins andere Geschlecht hineindenken und einfühlen konnte, ist durch sein Werk belegt. Sein Interesse dürfte somit gewesen sein, die staatliche Zwangsmoral und Zensur zu umgehen. Also hat er die Liebeskunst chiffriert, verschlüsselt, und uns angedeutet, dass der "Schlüssel" in der Unvoreingenomeheit und eigenen Erfahrung der Leserinnen und Leser zu finden ist. Unter dieser Voraussetzung sind natürlich viele Lesarten der Liebeskunst möglich, und noch heute ist es nicht immer sinnvoll, das eigene Verständnis gänzlich unverblümt dar**stellen, so dass dieser Text nur eine Vorarbeit darstellt, für Eure eigene Interpretation.

Welche Anweisungen nun für Männer, welche für die Frauen gelten - die Aufteilung der Geschlechterrollen ist kein Naturgesetz. Woran wir uns halten, was wir für uns selbst wählen, welche Vorzeichen wir setzen, ist unsere Sache, und folgt meistens(?) gesellschaftlichen Konventionen.

 

Es soll ja auch nicht der ganze Text im Netz veröffentlicht werden - die Textstellen sollen einerseits zur Diskussion über die Liebeskunst anregen, andererseits auch einen Anreiz darstellen, das Buch zu kaufen - wenn es denn fertig wird und sich ein Verleger findet; ein wenig Ermutigung könnte ich dabei auch noch brauchen ...

 

Übersicht

     

Amor und Baccus

   
Achill  und Deïdameia    
Dichtung und Vorschrift    
Atalante    
Anregungsmittel, Aphrodisiaka

 

 

Einschub: Ovid entschlüsseln

Oft steht bei diesen Texten etwas unsichtbar zwischen den Zeilen geschrieben; es gibt auf der ganzen Welt den Ausdruck „Zwischen den Zeilen lesen“.  Der Text ist in seiner eigentlichen Bedeutung zum Teil chiffriert; Du musst selbst entscheiden, was wie gemeint ist. Ich kann das auch nicht objektiv entscheiden, sondern nur meine Meinung äußern. Wo du ihr zustimmst, sind wir einer Meinung.

„Fünf  Bücher Nasos (so nennt Ovid sich hier) waren wir einst – drei sind wir jetzt“, steht im Vorwort zu einem anderen Buch, den Liebeselegien. Demnach können wir davon ausgehen, dass der Dichter sein Werk ge- oder verkürzt hat; auch das gehört zur Verschlüsselung. An den „unsichtbaren Text“ kommst  du auf dem Umweg über dein Wissen von den Dingen, deine eigenen Erfahrungen und Gedanken.  Wo es wirklich unangenehm wird, hat OVID in diesem Text eher ausgeblendet, die dunklen Seiten der menschlichen Existenz finden sich an anderer Stelle, dargestellt am Beispiel der Götter, Halbgötter, Nymphen usw.. Zudem gibt es zur „Liebeskunst“ von ihm noch eine Fortsetzung; Die „Heilmittel gegen die Liebe“.  Sehr schöne, zarte und leicht bittere, erotische  Stellen fändest du auch in den „Liebeselegien“.

[ Übersicht ]

 

 

 

Amor und Baccus

Wir schauen etwas genauer nach der Herkunft von Amor und Baccus, weil beide bei einer Gelegenheit, die für uns willkommene  Gelegenheit zum Zusammentreffen und Kennenlernen sein kann, dem Gastmahl, aufeinandertreffen.

Amor zieht den Baccus an und bekommt nasse Flügel, er kann zwar versuchen, die Flüssigkeit abzuschütteln, mit Fliegen ist es aber erst mal aus. Für die TeilnehmerInnen am Gastmahl ist es gefährlich, „die Brust auch nur leicht von Amor besprengen zu lassen. Wein macht das Herz bereit, er macht es für die Glut der Leidenschaft empfänglich; durch viel unvermischten Rebensaft entflieht die Sorge und löst sich auf.“

Mit der Sorglosigkeit „kommt das Lachen, dann spielt der Arme plötzlich den Stier, dann schwinden Schmerz, Sorgen und Runzeln an der Stirn; dann öffnet die in unserer Zeit so seltene Einfalt die Herzen, da der Gott alle Künstelei verjagt.“

Welche Rolle spielen nun die beiden Götter?

Nach einem griechischen Mythos legte die vom Wind befruchtete Dunkelheit ein Ei, aus dem Eros entstand; erst sein Einfluss ließ das Chaos, aus dem sich Weiteres entwickelte, entstehen, lange bevor es die Welt und ihre Bewohner gab.

Amor ist die römische, etwas weiterentwickelte, veränderte Form des Eros, ohne den es nichts gäbe außer Dunkelheit und Wind. Wir haben keinen Anlass, uns solche Bedingungen vorzustellen, da unsere Existenz untrennbar mit der Existenz des Eros verbunden ist ...

Eros bringt die Dinge in Gang, zum Laufen oder zum Tanzen, ist befruchtend. Gerade auf der gedanklichen, „geistigen“ Ebene.  Ohne Eros gäbe es uns nicht, gäbe es kein „wir“.

...

Beim Gastmahl geschieht, was wir nur in der Vorstellung sehen können: Ein purpurroter, oder in dieser Farbe gekleideter Amor zieht „mit seinen zarten Armen“ die Hörner des Baccus an sich. Der geflügelte, erstgeborene Gott umarmt den jüngsten Gott; in der sorglosen Stimmung des Gastmahls „haben oft die Mädchen die Herzen junger Männer geraubt, und Venus war Feuer im Feuer.“

Nehmen wir das Bild vom doppelten Feuer als Metapher für die (nicht ohne Absicht ...) aufgeheizte Stimmung. Die Männer jedenfalls sind gewarnt, hier, beim gedämpften Licht, nicht wahllos zu werden: „Bei Nacht bleiben die Mängel verborgen, man ist nachsichtig gegenüber jeglichem Fehler, und die Dämmerstunde macht jede Frau schön. Geht es um Edelsteine, purpurgefärbte Wolle, schöne Gesichter und körperliche Vorzüge, so ziehe das Tageslicht zu Rate!“

.....

[ Übersicht ]


 

Achill  und Deïdameia

Mit alten Denkgewohnheiten soll man nicht brechen. Helden sind Kämpfer und männlich. Ein starker Krieger kämpft wie eine möglichst unverwundbare Kampfmaschine; er wird von der Gewalt beherrscht und wendet sie an, als kenne er nichts anderes. Es liegt in der Natur der Dinge, dass Männer gewaltsam und rücksichtslos sind und sich auch so durchsetzen. Die Geschichte von Achill und Deïdameia, wenn wir sie in der Kurzform hören, könnte die Normalität der männlichen Gewalt belegen, die von den Frauen schließlich begrüßt wird:

„Zufällig war die jungfräuliche Königstochter in demselben Gemach; durch die Gewalttat erfuhr sie, dass er ein Mann war. Er besiegte sie zwar mit Gewalt (so muß man es glauben), aber sie wollte doch mit Gewalt besiegt werden. Oft sagte sie "Bleib!", wenn Achill schon davonging. Denn er hatte den Wollfaden beiseite gelegt und sich die kriegerischen Waffen genommen. Wo ist denn nun diese Gewalt, von der die Rede war? Was hältst du mit schmeichelnder Stimme den Mann auf, der dich schändete, Deïdameia“

Die Unterscheidung, was sich gehört und was sich nicht gehört, macht unsere kulturellen Normen aus. So „müssen“ wir glauben, Achill hätte Deïdameia mit Gewalt genommen; eine andere Übersetzung formuliert:  „... das ziemt es sich zu glauben“.

Wir werden hier mit dem konfrontiert, was wir glauben sollen. Auf den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Glauben einzugehen, könnte ja bedeuten, sich von falschen Vorstellungen zu befreien. Unbestreitbar ist wohl jedenfalls, dass so manche Geschichte uns vorgibt, was wir glauben sollen – zum Beispiel an die herrliche Größe unserer Heerführer oder die Unvermeidbarkeit von Kriegen. Dass Krieger keine Schmerzen kennen und Krieger sind vom Scheitel bis zur Sohle, durch und durch. Wenn der Krieg der Vater aller Dinge ist, brauchen wir den Krieg zum Leben und folglich kriegerische Krieger und damit auch kriegerische, gewaltsame Vorbilder, die keine Schwächen haben.

Wenn wir unter seinem Leben seine Taten auf dem Schlachtfeld verstehen, blenden wir aus, was der Held außerdem lebte und fühlte. Nun noch einmal zu der Geschichte von Achill und Deïdameia:

Als Achilles neun Jahre alt war, verkündete der Prophet Kalchas, dass die Stadt Troja in Kleinasien nicht ohne Achill von den Griechen erobert werden könne. Seine Mutter erfuhr von dieser Wahrsagung. Weil sie befürchtete, dass dieser Krieg ihren Sohn das Leben kosten könnte,  zog sie ihm Mädchenkleider an und brachte ihn in diesem Aufzug zu dem König Lykomedes, der auf der Insel Skyros herrschte. Dieser ließ ihn unter seinen Töchtern wie eine Schwester aufwachsen und typische Frauenarbeiten verrichten. Als Achilles heranwuchs, verliebte er sich in Deïdameia, die liebliche Tochter des Königs, die seine Gefühle erwiderte. Während er auf der ganzen Insel als weibliche Verwandte des Königs galt, hatte Achill mit Deïdamia ein heimliches Verhältnis.

Der Seher Kalchas entdeckte jedoch das Versteck, Odysseus und Diomedes begaben sich zur Insel, um Achilles für den Krieg zu gewinnen.  Als sie zum König und dessen Töchtern gebracht wurden, konnten sie Achill wegen seines mädchenhaften Gesichts nicht von den anderen Mädchen unterscheiden. Odysseus wendete eine List an, um den Jungen unter den Mädchen zu entlarven: Er ließ in den Frauensaal, wo sich die Mädchen aufhielten, einen Schild und einen Speer bringen und dann laut die Kriegstrompete blasen, als ob sich die Feinde näherten. Sofort flohen die Frauen aus dem Saal; nur Achill griff ohne Zögern nach Speer und Schild – also entlarvte er sich selbst.

Es ist völlig offen, was sich in dem Frauentrakt des Palastes ereignet hat: Als sicher kann aber gelten, das Achill  die weibliche Lebensweise geteilt hat; sein Tagesablauf war der ungewohnte Alltag der Frauen, anders als der  bisher gelebte – da gab es hinsichtlich der Geschlechterunterschiede Einiges zu entdecken und zu erforschen; „Jugend forschr“ ist ein Sprichwort, das solche Szenen kommentiert. Obwohl „Hahn im Korb“, glich er sich dem Umfeld, das seine Veränderung wohl noch belohnte, so weit an, dass er äußerlich als Mädchen wirkte, sich für eine Freundschaft „unter Mädchen“ qualifizierte,  der kaum zu verbergende Reiz des kleinen Unterschieds kam hinzu: Die Heran-wachsenden verliebten sich.

Sich eine Vorstellung der Geschehnisse zu machen, bleibt unserer Phantasie überlassen; die möglichen Empfindungen der Beiden – hier der Deïdameia -  hat Konrad von Würzburg im Minnegesang  „Trojanerkrieg“ nachgezeichnet:

„und wære si ein maget niht,
ich möhte denken, daz ir lîp
mich wolte meinen, als ein wîp
gemeinet wirt von einem man“

„Und wäre sie kein Mädchen, würde ich wünschen, dass ihr Körper mich begehrte, als Frau, die von einem Mann begehrt wird“.

Aus der Einfühlung in das andere Geschlecht entstehen ungewohnte Gefühle; wer sich in die andere Geschlechterrolle hineindenkt, wird bei der Empfindung der Gegengeschlechtlichkeit des Gegenübers verwirrt und/oder den scheinbar gleichgeschlechtlichen Part verwirren, wie Kleider- oder Rollentausch die Rollenerwartungen verändern.

Andererseits: Dieses Vexierspiel um Gleich- und Gegengeschlechtlichkeit ist gesellschaftlich geächtet. „Achills Männlichkeit war (eine Schande, aber er hatte es seiner Mutter auf ihre Bitte hin zugestanden) unter einem langen Frauengewand verheimlicht.“

Es gibt keine Überlieferung, was sich in diesem „Leben unter Frauen“ abgespielt hat. Wenn der „Fall Achill“ ein Sonderfall ist, was ist dann die Norm?

„ ... es geht um Frauen im Plural, denn der kleine Junge ist umzingelt von Frauen! Es gibt ja eigentlich nichts anderes in seinem kleinen Universum, denn wenn er die Welt seiner Mutter verläßt, kommt er in den Kindergarten, wo er sich mit der Kindergärtnerin anfreunden muß, und dann in die Schule, wo er auf die Lehrerin trifft. Es gibt nur Frauen um ihn herum; sein Vater erscheint für ihn sehr weit entfernt, wenn die Lehrerin hinter ihm her ist. Es ist eine Katastrophe für den kleinen Jungen, daß die Erziehung des kleinen Kindes fast ausschließlich in den Händen von Frauen liegt.“ (Aus: Christiane Olivier: Jokastes Kinder, Die Psyche der Frau im Schatten der Mutter, München: dtv, 10.Auflage 1996)

Nun, das ist zugegebenermaßen eine spezielle  Blickrichtung, aber nicht unbedingt ein Anachronismus; wahrscheinlich hat sich „der Mensch“ seit der Antike nur wenig geändert.

Wir hatten gesagt, dass vom Leben im Frauentrakt einige Szenen zu fehlen scheinen. Der Dichter überspielt dies mit seiner Frage, die immerhin einige Bruchstücke der Szene enthält: „Was tust du, Aeacus' Sproß? Wollarbeiten sind nicht deine Aufgabe. Du wirst in einer anderen Kunst der Pallas nach Ruhmestiteln streben. Was hast du mit Körbchen zu tun? Deine Hand ist dazu geschaffen, einen Schild zu tragen. Was hältst du Wolle in der Hand, durch die Hektor fallen soll?  Wirf die Spindel weg, die mit fleißig gesponnenem Garn umwunden ist! Diese Hand muß die pelische Lanze schütteln.“

Fast unmerklich wird unser Augenmerk von der Beziehung Deïdameia –Achill abgelenkt, die Parallele zu Hercules, der zur Strafe für seinen Streit mit Apollo als Sklave an die lydische Königin Omphale verkauft wurde, drängt sich auf: Auch Herkules hatte sich zeitweise, zur Unterhaltung, als Frau bekleidet, aber allgemein ist solches Rollenspiel bewusstseinsfern auf die parodierende Komödie, die Travestie oder auf  Transvestiten beschränkt. Ob das „abweichende Verhalten“ unserer Helden als Schande zu betrachten ist oder nicht - es geht um Achills Ruf; seiner „Ehre“ zuliebe sollten wir glauben, er hätte die jungfräuliche Königstochter vergewaltigt.

Die Redlichkeit unserer Übersetzer einmal vorausgesetzt, mag es uns unter anderem irritieren, dass eine bestimmte Hand die Lanze aus hartem Holz schütteln (und nicht werfen) muss; bei diesem Stoff laufen durchaus einige Fäden zusammen, bis ein Eindruck entsteht, und doch ist, was wir „sehen“, von dem, was wir glauben,  so bestimmt, dass die schönste Umschreibung des Geschehens unser Bild verwischt.

Anders gesagt: Tabus bestimmen unser Denken mit, gehören zu den Fakten. Man redet nicht öffentlich über Masturbation, für das Unbewusste ist schon der Gedanke allzu nahe an der Tat, diese Betätigung unterliegt, in welcher Konstellation auch immer vor- oder miteinander unternommen, einigen Tabus.

Lieber, als diese auch nur im Denken zu übertreten, kehrt man zurück zur alten Gewaltthese.

„Nicht wahr: Man schämt sich zwar, bei gewissen Dingen selbst den Anfang zu machen, aber man erduldet sie gern, wenn ein anderer damit beginnt. Ach, allzu viel bildet sich der junge Mann auf seine Schönheit ein, der abwartet, bis das Mädchen ihm zuerst einen Antrag macht. Der Mann tue den ersten Schritt, er spreche bittende Worte, und sie möge die schmeichelnden Bitten liebenswürdig aufnehmen. Willst du sie erlangen, so bitte du sie! Sie will nur gebeten sein. Schaffe den Anlaß und mache den Anfang zur Erfüllung deines Wunsches. Jupiter ging als Bittflehender zu den Heroinen der Vorzeit; kein Mädchen hat von sich aus den großen Jupiter verführt.“

Anders gesagt: Wenn Du gewisse Wünsche, die „sich nicht gehören“ (und hast du nicht einmal gesagt: „Hier und heute ist alles erlaubt, es gibt doch keine Verbote!“) hast, ergreife die Initiative.

[ Übersicht ]

 


Dichtung und Vorschrift in der Liebeskunst

 

Verse, Phantasie, erdichtetes ...

 

Die Partner müssen nicht nur zusammenfinden, sie müssen auch aushandeln, wie sie miteinander umgehen. In der Zivilisation ist das etwas komplizierter als bei Pferd und Stute oder Fisch und Fischin. Geschenke gehören zur Werbung, Gedichte können günstige Geschenke sein:

 

Dennoch bleibt die Frage: Sollst du, oder sollst du nicht? „Soll ich dir vorschreiben, auch zärtliche Verse zu schicken?“

Was wäre denn, wenn zum Beispiel Homer, in der gedachten Begleitung aller neun Musen, bei uns auftauchte – ohne Gold und Geld? Selbst diesen Wortgewaltigen würde man vor die Tür setzen, mit einer Ausnahme: Eine gebildete Frau würde sicherlich hören wollen, was der große Homer zu sagen hat. Weil es bei den unwissenden Frauen, der Mehrzahl der Mädchen also, immerhin den starken Wunsch, gebildet zu sein oder zu erscheinen, gibt, hast du gute Gründe, deinen Text zu entwerfen. Die Ehre,  „ein süßes Gedicht auf ihren Namen zu hören ...“,  freut doch jede Schöne. Auf die Schönheit der Versform kann es hier nicht wirklich ankommen, nicht alle von Euch haben das nötige Talent. „Den Gedichten, so schwach sie auch sein mögen, soll der Vortragende durch schmeichelnde Stimme aufhelfen.“  Wegen Ihr, ohne Sie,  warst du schlaflos, unruhig - nervös ist gar kein Ausdruck. Woher sollte sie ohne deine Worte wissen, dass deine Gedanken nur um Sie sind gekreist sind? Wird sie für das, was du dir für sie ausgedacht hast, so dankbar wie für ein anderes Geschenk sein? Ihr Name sollte oft genug in deinen, von Stimme und Blick  kunstvoll verstärkten, „rührenden Worten“ auftauchen.

Es gibt so einiges, das du dir wünschst, manches interessiert dich. Jetzt hast du die künstlerische Freiheit, deine Vorstellungen als ihren Plan darzustellen.

Willst du beispielsweise einem Sklaven etwas Gutes tun, ihn vielleicht sogar von dir aus freilassen, dann sprich nicht du vom humanen Umgang mit einem Sklaven, sondern „lass ihn dennoch deine Geliebte darum ersuchen.“ Er soll sie bitten; so steht sie im Mittelpunkt des Interesses; dann kannst du sie betteln lassen, bis sie keine Worte mehr findet.  „Sie zuerst spreche davon, ... sie soll es wünschen. ... sieh, dass die Traute Gnade erbettelt, flehenden Blicks dich langsam erweicht.“

In Abbildungen finden sich mehr Sklavinnen als Sklaven, auch eine Frage der Rollenverteilung.

Als Eigentümer von Sklaven bist du darauf angewiesen, dass sie tun, was ihre Aufgabe ist. Der Gehorsam der Sklaven ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit, es heißt „Strafe muss sein“, sie gilt als Erziehungsmittel, und es heißt „wer nicht hören will, muss fühlen“. Ein Sklave, der sich falsch verhalten hat, wird in Ketten gelegt, bei Wasser und Brot in einen dunklen, unbequemen Kerker („Dungeon“) gesperrt, eine Anzahl von Peitschenhieben wird festgelegt oder andere einschneidende Maßnahmen, abhängig von der Verfehlung, drohen ihm.

Wenn deine Freundin sich für einen zu Bestrafenden einsetzen und seine Fürsprecherin sein will - lass sie die Rolle der Mächtigen spielen. Es könnte dein Vorteil sein, wenn sie selbstbewusster auftritt; „Der Nutzen sei dein, die Ehre werde der Freundin zuteil.“

Mit ihrer Fürbitte, ihrem ehrenwerten Eintreten für die „Freiheit des Unterdrückten“ übernimmt sie eine große Verantwortung – sie macht sich gewissermaßen zu seinem Bürgen, wird für die Ergebenheit des Ungehorsamen haftbar.

Zivilisierte und kultivierte Sklaven sind selten; allzu häufig sind sie schlecht erzogen, oberflächlich, anspruchsvoll, eingebildet, falsch, faul und mürrisch. Kein Wunder: Oft sind sie aus zweiter Hand; spielen sich auf und bringen ein hohes Strafbedürfnis mit, wodurch sich erklärt, dass sie im Dienst dienstfremden Tätigkeiten nachgehen.

Bei Vergehen wie beispielsweise Diebstahl erwartet deine Freundin deshalb ein umfassendes Geständnis und das Gelöbnis, die Tat nie wieder zu begehen. Was das sittliche Verhalten betrifft, verhört sie ihn einfühlsam und eindringlich, leitet ihn an, unangemessene Wünsche den Gegebenheiten, ihren Bedürfnissen und ihren Vorschriften anzupassen. Da er sich demütig verhalten soll, bleiben ihm einige Demütigungen nicht erspart. Sie wird zur Erzieherin, übt mit ihm die Aufmerksamkeit bei seinen Aufgaben und die freiwillige Unterwerfung ein, aus fehlerhaft ausgeführten Anweisungen ergeben sich schnell Strafanlässe. Sie kann ihm auch aufzeigen, welche Strafen er zu erwarten hätte; ihre Hiebe fallen, wenn sie gnädig ist, schwächer aus, Kerzenwachs ist weniger heiß als siedendes Öl; je größer die Einschränkung, desto erlösender ihr Wegfall. Sie kann ihn motivieren, ihm Hoffnung machen, dass seine Bitten erhört und die Ketten mit der Zeit etwas gelockert werden. Gibt sie ihm nun eine Decke, Essen oder etwas zu trinken, ist ihr seine Dankbarkeit sicher.

Es gibt im Haushalt genügend sinnvolle Beschäftigung; Speisen korrekt zuzubereiten und zu servieren, sollte eine seiner leichtesten Übungen sein, und überhaupt sorgen die Launen der Herrin für Abwechslung.  Dabei haben Benehmen, Haltung, Kleidung und Gesichtsausdruck  jeweils dem Dienst und der Situation zu entsprechen. So lernt er, dass es eine Auszeichnung ist, ihr brav zu dienen, ohne moralische Einschränkung, Bedenken und Zögern: Der Dienst des Rechtlosen ist keine Vorleistung, die selbstverständlich mit einer Gegenleistung belohnt würde, von einem Verdienst ist bei dieser Hierarchie nicht die Rede. Gute Sklaven sind sklavisch gehorsam, erwarten keinen Dank, sondern bedanken sich für ihre Schläge. Zucht und Ordnung herrschen, wo die Strafe mit Bedacht gegen Übergriffe eingesetzt wird.

Noch heute, da die Sklaverei offiziell abgeschafft ist, braucht sie, um ihr Bedürfnis nach Herrschaft, lateinisch: „Dominanz“, auszuleben, Mitspieler, die sie ergänzen und sich ihrem Verlangen unterwerfen. Dazu sei bereit, aber nur, wenn es dich nichts, auch keine Überwindung, kostet. Welch schöner geistiger Einklang: Du verlierst jedenfalls absolut nichts, wenn  „... die Geliebte glaubt, dass sie dich beherrscht.“                       

Gibt es an dieser Stelle noch Fragen, oder können wir zum nächsten Punkt kommen? Zumindest eine Frage ist noch unbeantwortet – welche Frage meine ich? Da war doch jemand aufmerksam – bitte!

„Ob du mir Gedichte vorschreiben sollst, damit ich sie abschreiben kann!“

Nein, das war zwar nahe dran, das wäre allerdings eine andere Frage. Aber lass dir die Sache noch einmal durch den Kopf gehen. Deine Gedichte, Bekenntnisse - wenn es um „intime Geständnisse“ geht, musst du selbst wissen und dir erarbeiten, wie und worauf du sie ansprichst.

 


 

Die Tugend im höheren Sinne

 

Tust du nicht alles, um sie im Bewusstsein ihres Wertes und ihrer Einmaligkeit zu bestärken? Sprichst du ihr damit  nicht die oberste Gewalt zu? Wie symbolisch oder konkret du ihr auch „huldigst“ – „halte es für keine Schande“.

Wenn ihr die bäuerische Scheu überwunden habt, wenn die Scham vorüber ist, braucht ihr auch keinen moralischen Begriff von „Schande“ mehr.

Aber solche „Probleme“ sind Kleinigkeiten gegenüber dem, das wir nun anstreben: Es geht – „lausche mein Volk mit ganzer Seele!“ - um die Tugend im höheren Sinne, eine Tugend, die ihr euch hart erarbeiten müsst, die nur auf einem steilen, schwierigen Pfad zu erreichen ist; wer es hinauf bis zum Gipfel der Sittsamkeit nicht schafft, schaut ihn sich von unten an.

Wenn du die Geduld mit deinem Rivalen erlangt hast, wirst du „sogar über den großen Juppiter auf dem Capitol triumphieren.“  (Oft genug kommt die Schwierigkeit, mit einem anderen zu rivalisieren,  von der Angst vor der Autorität.) Du kannst auf den Wert solcher Geduld vertrauen: „Dies sei für dich kein Menschenwort, sondern ... heilig ...; meine Kunst kennt nichts Größeres als dies.“

Ich darf Euch darauf aufmerksam machen, dass wir an dieser Stelle den Gipfel– oder Wendepunkt der Liebeslehre erreicht haben. Gefordert ist nicht nur irgendeine gewisse Toleranz, es geht darum,  die Eifersucht zu überwinden – für die Meisten sicherlich eine unerwartete Lehre, mit der wir uns hier zu beschäftigen haben. Bewahrt Euch bitte Eure ungeteilte Aufmerksamkeit für den Lernstoff und notiert einstweilen Eure Fragen, zu denen wir uns am Ende dieses Kapitels austauschen werden.

Schreiben wir uns zunächst die heiligen Worte – „Sei geduldig mit deinem Rivalen“ – hinter die Ohren. Sind das Worte, die so klar sind, dass wir sie mit dem Hören schon verstanden haben, oder müssen wir sie erst noch auslegen? Gefühlsmäßig haben die meisten offenbar schon verstanden, was gemeint ist. Der in unseren Breitengraden zuständige Prophet und Erlöser hatte, fast zeitgleich mit OVID, aber doch später, in seiner Bergpredigt ja ähnliche „ansteckende“ Gedanken geäußert: Wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst, unsere Feinde auch, denn die zu lieben, die uns lieben, ist keine Kunst,  und Gott über alles – das ist zwar nett gesagt, scheint aber gedanklich sehr unscharf, praktisch nicht lösbar und im Widerspruch zum Wesen der Sache zu stehen: Liebe auf Befehl geht nicht – also ist etwas Anderes gemeint. Vielleicht handelt es sich bei der gekonnten Liebe ja um ein Verteilungsproblem: Ich brauche das geliebte, „angebetete“, oder auch nicht vergötterte oder idealisierte Gegenüber, ohne das ich mich nicht erkennen kann. 

Wer die gebotene Nächstenliebe abschwächt und sich  – kleingläubig -  auf einen Vorrang der Liebe zu Gott beruft oder behauptet, sich ja selbst nicht leiden zu können, entwickelt in jeder Hinsicht oberflächliche Beziehungen ohne rechte Tiefe. Die reduzierte Nächsten- und Selbstliebe ist nach dieser Gleichung nicht gottgewollt, da die Formel doch zur Liebe in all ihren Facetten ermutigen sollte.

Wir sollen es ja nie beim Gesagten belassen, sondern verstehen, was gemeint war - das fällt leichter, wenn unser Text von Anfang an in der Obhut versierter Schriftgelehrter gewesen ist, wenn nicht, wie bei mündlicher Überlieferung, Unverstandenes irgendwie geglättet worden ist. Gottseidank ist das Christentum mittlerweile tolerant genug, die Vermutung, dass auch der „Sohn Gottes“ aus geheimen, mysteriösen (Ur-) Quellen geschöpft haben könnte, oder auch nur „einfach“ aussprach, was im Zeitgeist lag, zu gestatten.

Mit Hilfe der Geduld kannst du deine Konkurrenzfähigkeit neu definieren (geht es nicht um einen Wettkampf auf Biegen und Brechen, Leben und Tod). Wenn schon Rivalitäten – um was auch immer, zwischen wem auch immer – unvermeidlich sind, wo zwei oder mehr Menschen zusammenkommen: Macht das Beste daraus. Hast du es dir bis jetzt verboten, dich um ihre Zuneigung zu bemühen, solange sie „gebunden“ ist, so hat dieses Verbot nun keine Grundlage mehr.

Geduld ist nichts, was uns in die Wiege gelegt worden ist. Andererseits bringen wir sie doch schon mit, aber auch die Ungeduld.  Es ist eine differenzierte Kunst, in der wir uns üben können: „anspruchslos, ruhig, behäbig, unermüdlich, dulderisch, ausdauernd, beharrlich, ernst“ sind Synonyme für „geduldig“. So sollen wir mit unserem Nebenbuhler, unserem Gegner sein. Mit gehemmter Kraft, und ohne das Ziel aus dem Auge zu verlieren.  Gegenüber der bisherigen Empfehlung:  „Doch in der Stille wünsche den Mann zum Henker“  sind unsere Gefühle wandlungsfähig, wenn wir zunehmend lernen, mit Weisheit zu lieben.

Noch ein Hinweis: Wir sind das Volk, das mit ganzer Seele zugehört hat,  sollen, was wir uns hinter die Ohren geschrieben haben, als „so heilig wie das Zeusorakel der pelasgischen Eichen von Dodona“ aufnehmen, gewissermaßen als übermenschliches, göttliches Wissen, jedenfalls sei es für uns „kein Menschenwort“. Die Quellen dieser ab jetzt und künftig gültigen Anweisung sind damit „gut“ verborgen, geheimnisvoll wie der Ursprung der Philosophie. Wir könnten uns eine Urquelle mit bestem Wasser, oder, um das bildhafte wie im Märchen zu steigern: reinstem Wein vorstellen.

Aus der gleichen Urquelle mag das Urchristentum geschöpft haben: Wenn wir eine beliebige Darstellung des „ersten“ Abendmahls, einer kommunikativen und nachdenklichen Gruppe, die sich einem neuen Geist annähert, mit der zur Massenveranstaltung, zum Zirkus verkommenen „Kirche“ vergleichen, verdeutlicht dies, dass vom Ursprungsgedanken nur noch kleinste Spuren geblieben sind und wie der ursprünglich reine Quell verwässert und verdorben worden ist.

 Nahe am Ursprung finden wir praktische Ratschläge und Einsichten, nicht die Predigt eines schlecht legitimierten Hohen Priesters:  

„Gibt das Mädchen ihm einen Wink, so ertrag es; schreibt sie ihm, so berühre die Täfelchen nicht; mag sie kommen, woher sie will, und gehen, wohin ihr beliebt.“  Werde so gleichgültig wie ein Ehemann im Tiefschlaf.

Wenn sie mit ihrer „neuen Flamme“ telefonieren muss und du die Hälfte des Gespräche mitbekommst, ist das folglich kein Grund, unruhig zu werden, wenn sie – du weißt nicht wohin und wie lange – ausgeht, auch nicht.

Wie bitte – du hast so etwas einmal erlebt und musstest vor Wut bald platzen? Tröste dich – niemand ist perfekt: „In dieser Kunst, das muss ich bekennen, bin ich nicht vollkommen – was hilft es? Ich bleibe hinter meinen eigenen Erwartungen zurück.

Wer sich vom Zorn hinreißen lässt, kann nicht gleichzeitig gelassen bleiben: „Küsse hatte ihr eigener Mann ihr gegeben – daran kann ich mich erinnern -, und ich beklagte mich darüber.“

Wäre es wenigstens ein wildfremder Mann gewesen. Einer, der auftaucht und wieder verschwindet, der keine feste Größe darstellt – aber so? Der eigene Mann! Da deuten doch schon die Worte auf Besitzverhältnisse; Sie hält sich einen Ehemann und einen Geliebten, lässt beide ihre Zuneigung spüren – aber der Geliebte wird wieder einmal diskriminiert, wird eben nicht öffentlich geküsst, empfindet sich als in die zweite Reihe verwiesen – ein Gefühl, das niemand wirklich braucht; er reagiert wie eine gekränkte Geliebte, nicht gewillt, die zweite Geige zu spielen.

Es heißt ja, OVID verwende oft eine sehr feinsinnige (Selbst-) Ironie.

Streicht euch diese Stellen ruhig an, aber bitte nur mit Bleistift, so könnt ihr manches wieder wegradieren, weil mehr wörtlich zu nehmen ist, als zunächst geglaubt.

 

[ Übersicht ]

 


 

Die Gelenkstelle des Textes

Links ist links und rechts ist rechts. Oben ist oben und unten ist unten. Plus ist nicht minus. Eine Bewegung geht vorwärts oder rückwärst; Alles lässt sich in Koordinaten eintragen.

Männlich ist offensiv, werbend, erobernd und weiblich ist verführerisch, abwartend? Das ist, wie wir bereits wissen, eine anerzogene Konvention, die, einmal eingeführt, auch beibehalten wird, ähnlich wie der Linksverkehr in England.
Verkehrsregeln sind kein Naturgesetz, und es gibt keine Regel ohne Ausnahme. Im "nicht-öffentlichen Verkehr" sind gewisse Vorschriften aufgehoben. Muskelprotze wie Herakles spinnen in Frauenkleidern Wolle, tun das im Dienste einer Königin, nicht als Perversion, sondern zur Unterhaltung.
Krieger verwandeln sich, wenn sie den Zaubertrank eingenommen haben, bei Circe in willenlose, friedliche Tiere; nur wer über das Gegenmittel verfügt, kann eine gleichberechtigte, wenn auch bizarre Beziehung mit ihr eingehen.

Das wisst Ihr ja bereits. Die konventionelle Einteilung in männliches und weibliches Verhalten ist eine künstliche. Eine bewusste Verkehrung, "Umpolung" kann auch der Tarnung dienen: Damit verschleiert wird, wer der Autor ist, soll Sie bei den Briefen, die sie ihm schreibt, sich als Mann darstellen und ihn als Frau anreden. Würde nun der Brief abgefangen, wüsste niemand, wer Absender und Empfänger ist. Genauso hätte er seine Briefe zu verschlüsseln: Sie schreibt Ihm, wenn er ihr schreibt. Das ist gleichzeitig eine Vorübung für einen möglichen Rollentausch, für ein Spiel mit verschiedenen Rollen. Ihr ahnt wohl schon, dass es, in Eurem privaten Bereich, nur noch Eure eigenen Regeln gibt. Wo immer wir eine Rezension der Liebeskunst gefunden haben, hat es geheißen, sie beinhalte zwei Bücher für Männer und ein drittes für Frauen. Nur - Ihr werdet es bestätigen - findet sich hier, im "Buch für die Frauen" auch eine Anweisung für Männer.

Habt ihr die Übung, "Er" mit "Sie" und "Sie mit "Er" zu übersetzen, einmal durchgeführt, kommt Ihr zu ganz interessanten Ergebnissen, wenn Ihr auch die Bücher, die offiziell für die Männer bestimmt sind, entsprechend übersetzt bzw. entschlüsselt. Ihr könnt damit aus einem Buch zwei Fassungen ableiten, Euer Verhaltensspektrum erweitern. OVID schrieb unter den Bedingungen der Sittengesetze der patriarchalischen, kaiserlichen Diktatur und musste seine Aussagen mit den Mitteln der Camouflage tarnen - das wäre eine Erklärung für seine "Doppeldeutigkeit". Was mag es aber zu bedeuten haben, wenn "männlich" und "weiblich" noch in unserer Zeit ein zweischneidiges Schwert sind?

 


 

Atalante

In Nonacris, dem nördlichen Teil Arkadiens, lebte Atalante. „Gab es etwas Spröderes als die nonacrinische Atalante? Aber diese Stolze ergab sich schließlich doch dem Manne, der sie verdient hatte.“

Diese Eigenschaften der „heldenmütigen Jungfrau“  bildeten sich heraus, weil der Vater lieber einen Sohn bekommen hätte; nach der Geburt wurde sie in der Wildnis ausgesetzt.

Unsere Lesart beruht auf verschiedenen Quellen, die reichlich märchenhaft klingen und hier nicht, wie es wissenschaftlicher Brauch wäre, gesondert ausgewiesen werden.

„In den Bergen fand eine Bärin, der man die Jungen getötet, das schreiende Kindlein, nahm es sorglich in den Rachen und trug es in ihre Höhle, wo sie es mit ihrer Milch säugte.“

In der Bärenhöhle wird das Kind dann von Jägern gefunden, die es weiter aufziehen. Sie entwickelte sich zur schönen, sonnengebräunten, starken Frau, schneller als das schnellste Reh, war eine sehr erfolgreiche Jägerin, mit dem  Speer als Lieblingswaffe. Die Hirsche konnten ihr gar nicht groß genug, Wildschweine nicht wild genug sein. Sie war eigentlich entschlossen, die Finger von den Männern zu lassen, wollte ihr Leben lang Jungfrau bleiben, hatte sie doch einmal dieses Orakel erhalten: »Fliehe den Gatten, Atalante, du entfliehst ihm dennoch nicht!«

Es gab den Versuch zweier Zentauren, Rhökos und Hyläos, Atalante zu entführen. Als sie ihr zu nahe kamen, schoss sie beide mit ihren Pfeilen nieder. Sie war unter anderem bei der Erlegung des Kalydonischen Ebers beteiligt, beschämte oft die Männer durch ihre beispiellose Tapferkeit, war auch siegreiche Teilnehmerin an den Kampfspielen in Iolkos. Als sie später ihre Eltern wiedergefunden hatte, verlangte ihr Vater, sie solle einen „tüchtigen Helden“ heiraten. Warum er sich plötzlich zu seiner väterlichen Verantwortung bekennt, wissen wir nicht – wahrscheinlich hat er verschiedene Gesichter oder Persönlichkeiten; hierzu passt, dass ihn einige Iasos oder Iasion, andre Schöneus und auch Mänalos nannten.

Es gab viele Bewerber um die Hochzeit mit Atalante.

„Um nun den lästigen Schwarm zudringlicher Freier zu verscheuchen, schlug sie am Ende eines zum Wettlauf tauglichen Planes einen drei Ellen langen Pfahl in die Erde; diesen bestimmte sie als Auslaufspunkt für die Freier, und nur dem, der sie im Laufe besiegte, wollte sie als Gattin folgen; wer aber später zum Ziele gelangte als sie, dem sollte der Tod zum Lohne werden.“

Die Bedingung ihres Wettrennens war geeignet, die Bewerber von der Teilnahme abzuschrecken; das Risiko für die Verlierer bekannt und umso größer, je mehr Teilnehmer es gab. Nur der Beste würde überleben - und hätte die pfeilschnelle Jägerin zu überholen. Obwohl Atalante den Wettbewerbern einen Vorsprung ließ, konnte sie leicht an den Todeskandidaten vorbeiziehen. Ihre Geschwindigkeit machte den Wettkampf so fair wie das Wettrennen im Märchen vom Hasen und vom Igel.

„Die Bewegung erhöhte noch den Reiz ihrer Schönheit; und siehe, schon stand sie jauchzend am Ziel; weit hinter ihr folgten die Besiegten, die nun seufzend die gedrohte Strafe erlitten.“

Der griechischen Tradition bei der Körperertüchtigung, der „Gymnastik“ folgend, waren die Wettkämpfer nackt – wie auch die Siegerin, die mit ihrer Nacktheit wohl ihr  Körperbewusstsein herausstellte. Die vorzeitliche Sitte des Wettkampfs auf Leben und Tod finden wir noch bei den antiken olympischen „Spielen“ – allerdings ohne weibliche Teilnehmer. Die Darstellung des tödlichen Ausgangs, der als mit einem „leisen Seufzer“ einhergehend geschildert wird, ist beschönigend, als hätte es sich bei dem Ende des jungen Lebens um einen „kleinen Tod“ gehandelt.

Es blieb nicht bei dem einen Lauf; Atalante wurde noch einmal herausgefordert:

„Hippomenes kommt, um sich die seiner Meinung nach völlig Verrückten anzuschauen, doch als er Atalante sieht, verliebt er sich in sie und will es selbst probieren.“

Er beansprucht für sich ein Motto, das für die Verlierer  im ersten Lauf nicht gegolten hatte:

 „Audentes deus ipse iuvat (denen, die es wagen, hilft ein Gott selbst). Mutig tritt er vor die junge Frau und fordert sie heraus. Er gefällt ihr und sie macht sich Sorgen um ihn - aber sie kann ihn nicht umstimmen, er besteht auf dem Wettkampf.“

Fügen wir der Genauigkeit halber hinzu, dass sie ihn nicht schonen will, weil ihr die Schande, besiegt zu werden, unerträglich wäre.

„Hippomenes und Atalante laufen los, bald liegt sie weit in Führung. Da wirft Hippomenes einen Apfel an den Rand der Bahn, den er von Venus bekommen hat. Atalante bleibt stehen und hebt ihn auf - Hippomenes überholt sie. Doch bald hat sie ihn wieder eingeholt und lässt ihn wieder zurück. Noch zwei Mal wirft er Äpfel, und tatsächlich gewinnt er so den Wettlauf. Doch nach dem Sieg dankt er der Göttin Venus nicht, obwohl er ihr den Sieg ja verdankt. Die Göttin rächt sich fürchterlich: Sie veranlasst die beiden, durch plötzliches Verlangen einen Tempel zu entweihen - zur Strafe werden sie in Löwen verwandelt.“

So stellt sich ein mögliches Ende der Geschichte dar – die Verwandlung in Löwen war nach damaliger Vorstellung eine besondere Strafe, weil man dachte, dass Löwen sich nicht untereinander, sondern mit Leoparden paarten.

Daneben müssen wir noch die Version berücksichtigen, nach der Hippomenes und Atalante „normale“ Eltern wurden, Parthenopaios, „Sohn der zerrissenen Jungfernschaft“ wurde ihr Kind, das angeblich von einer Jungfrau geboren wurde, genannt. Auch für den Wettlauf können wir verschiedene Möglichkeiten annehmen; so gibt es auch die Erzählung, nach der die Freier einzeln gegen die mit einer Rüstung gekleidete Atalante antraten und gleich beim Wettlauf mit Atalantes  Schwert geköpft wurden; die Schädel stellte man, entlang der Rennbahn aufgespießt, aus – was nach unseren Maßstäben eher abschreckende Beispiele und Anzeichen höchster Lebensgefahr, war den antiken Freiern offenbar erst recht ein Anreiz. Die Bedingungen des Wettkampfs entsprachen den Leitsätzen, die Atalante in die Wiege gelegt worden waren: „Als Frau bist du nichts wert, also verhalte dich männlich und nach der Regel, dass unter Männern nur der Beste überlebt.“ Demnach dürfen wir uns Hippomenes, der auch als Milanion bekannt war, nicht als strahlenden Helden oder Eroberer vorstellen:

„Oft soll Milanion über sein Unglück und die Grausamkeit des Mädchens im Schatten der Bäume geweint haben. Oft trug er, wie sie es befahl, die tückischen Netze auf dem Nacken, oft durchbohrte er finsterblickende Eber mit unbarmherziger Lanze. Er bekam auch den gespannten Bogen des Hylaeus durch eine Wunde zu spüren; doch noch besser als diesen Bogen kannte er den des anderen: den Amors.“

Auch als Gattin wird die allzu anspruchsvolle „1-A-Frau“ Atalante auf ihrer Stellung als Schnellste und Beste beharrt haben, dabei muss er ihr als Jagdgehilfe und Zielscheibe gedient haben – so hatte er die Frau bekommen, die er (sich) verdient hatte.

Soviel zu den Verhältnissen, in die du dich begibst, wenn Sie allzu spröde – oder in der Angst vor der „Schande“, besiegt zu werden, befangen ist. Atalante war eine zwanghafte Siegerin, die nur ihre barbarischen Bedingungen der Auswahl gelten ließ; bei so etwas musst du nicht mitmachen: „Ich heiße dich nicht in voller Jagdausrüstung die maenalischen Waldberge besteigen, nicht auf deinem Nacken Netze schleppen und nicht die Brust Pfeilschüssen darbieten. Die Gebote meiner umsichtigen Kunst werden sanft sein.“ Die Kunst, um die es hier geht, bezieht sich nicht auf unnachgiebige, rücksichtslose, „spröde-stolze“ Objekte. Meide die Spiele, bei denen du nicht verlieren darfst und sie es als Schande betrachtet, wenn sie einmal verliert.

 

Anregungsmittel, Aphrodisiaka

 

Was dich, lieber Meisterschüler, betrifft, wollen wir hoffen, dass du, was du tust, besser verbirgst. Wenn aber „doch irgend etwas an Licht kommt, mag es auch offenbar sein, leugne es dennoch beharrlich. Dann sollst du weder unterwürfig noch schmeichelnder als sonst sein. Dieses Benehmen zeugt deutlich von Schuldbewusstsein.“

Nein, da war nichts, da ist nichts gewesen, und wird nichts sein. Was dieses Gerede soll? Wenn es auch ein Gerücht gibt – du bist ihr doch immer treu gewesen, und so wird es auch in Zukunft sein. Wie sollst du das auch erklären, dass du nicht der Typ bist, der irgendwelche Affären anfinge. Es ist doch praktisch so: Du schonst „deine Lenden nicht, von einer einzigen Sache hängt der ganze Friede ab. Durch das Beilager musst du den Vorwurf, du hättest vorher bei einer anderen geschlafen, entkräften.“

Hoffentlich aber bist du jetzt nicht entkräftet. Schuldgefühle würden dazu ihren Teil beitragen, sie nutzen nichts, du zeigst auch keine,  bist doch schon im Vorfeld freigesprochen. War etwa die Geliebte schuld, weil sie so verführerisch war? So darfst du jetzt nicht denken, es geht im hier und jetzt ausschließlich und allein um die Kraft deiner strapazierten Lenden – da gibt es unterschiedliche Rezepte.

Saturei halte ich für ein schädliches Gift. Manche „mischen Pfeffer mit dem beißenden Samen der Brennessel und geriebenes gelbes Bertramkraut in altem Wein. Aber die Göttin, die am hohen Eryx am Fuße des schattigen Hügels wohnt, lässt nicht zu, dass man sie so zu ihren Freuden zwingt.“    

Dann also ganz ohne Zwang, die gesunde Lebensweise ist gefragt: „Man nehme vielmehr strahlend weiße Zwiebeln, die aus der pelasgischen Stadt des Alcathous zu uns geschickt werden, und das anregende Kraut, das aus dem Garten kommt, man nehme Eier und hymettischen Honig und die Nüsse, die die stachelige Pinie hervorgebracht hat.“

Ein Glas Rotwein mit verquirltem Ei und Zucker war bei einem Bauernpaar, das ich gekannt hatte, das Signal, das Sie Ihm gab, wenn sie ihm ihre Lust andeuten wollte – es wird wohl funktioniert haben. Heute wird „Venus“ mit Medikamenten manipuliert, und Viagra ist nur der Anfang einer gigantischen Gewinnmaximierung. Spekulieren wir nicht allzu viel über das anregende Kraut aus dem Garten: Es gibt zahlreiche Kräuter und Gewürze, die die Drüsenfunktionen und Lebensgeister stimulieren; nicht auf das Einzelne, sondern auf die Kombination dürfte es ankommen. „Frisch und vollwertig“ sollte unsere Ernährung sein, dabei „leicht“ bzw. leicht verdaulich.

Rippchen mit Sauerkraut und Kartoffelbrei ergeben gewiss kein leichtes, aphrodisierendes Gelage.  Wenn fetter Braten mit Bohnenkraut (Saturei) auch „bekömmlicher“ wird, ist von Speisen, die schwer im Magen liegen, immer noch nichts zu halten. Wo fettem Essen erst noch Kräuter beigegeben werden müssen, damit es verdaulich wird, hast Du, was die Liebe betrifft, Gift auf dem Teller.  Die Erwähnung „des“ frischen Krauts aus dem Garten (der Natur) soll uns eher selbst anregen, uns mit der Wirkungsweise von Salaten, Wurzeln, Kräutern zu beschäftigen:

Kräutergärten haben eine lange Tradition, aber in unseren Städten wird mehr Platz von Parkplätzen als von Parks und Gärten eingenommen, und viele brave Bürger pflanzen lieber tausend Tulpenzwiebeln als achtundzwanzig und mehr nützliche Kräuter, zu denen auch die als Unkraut verschriene Brennessel gehört, von der jedes Kind gelernt hat, dass ihr Tee blutreinigend wirkt.

„Was schweifst du ab, gelehrte Erato, zu magischen Künsten?“

„Achtundzwanzig“ war nur eine willkürlich gewählte Zahl, aber achtundzwanzig Seiten Kräuterkunde würden tatsächlich unseren Rahmen sprengen, der Einspruch kam gerade rechtzeitig. Dass es uns nicht um Magie und Zauberei gehen kann, ist ja bereits begründet worden. Dagegen, die gesunde Wirkung etwa des Ginseng durch den Zauber einer netten Teezeremonie zu verstärken, dürfte auch nichts sprechen – nur, was unseren Lehrgang betrifft, können wir nicht ständig zulassen, dass die Muse uns die Inhalte diktiert – kommen wir also zurück zum Text.

 



 

 


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